Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 1 (April 1934)
- Article
- Franz Oppenheimers Werk
- Date
- 1934-04-01
- Page
- 14 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Feuchtwanger geiz nicht. Der geisteswissenschaftlich Gebildete wird lediglich feststellen können, daß jede verfrühte „Zusammenschau" unsere Erkenntnisse über das Zusammenleben der Menschen und Völker und über die Gesetze ihrer Vergemeinschaftung zwar zu befruchten, aber nicht entscheidend festzulegen vermag. Wollen wir uns durch die lange Reihe dieser anspruchsvollen Bände nicht abschrecken lassen! Alle diese „zusammen schauenden" Synthetiker versichern immer wieder, wie stark der Forscher selbst durch die Lagerung seiner Gruppe „sozialpsychologisch determiniert" ist, daß also seine Vorstellungen und Urteile mehr oder minder Privatvorstellungen und Privatmeinungen, mitbedingt durch seine Gruppen- und Klassenlage, seien. Es ist überflüssig auszuführen, wie auf diese Weise die Allgemeingültigkeit logischer Schlüsse erschüttert wird. Von den „unentrinnbaren Denknotwendigkeiten" ist zwar später, besonders in der „Grundlegung" wiederholt die Rede; aber die Warnung vor der „persönlichen Gleichung" als schlimmster Fehlerquelle vergißt man nicht. In der „Grundlegung" haben die Spezialuntersuchungen des menschlichen Motivationsapparates, besonders der Versuch einer „Psychogen es e der Triebe" allgemeines und berechtigtes Aufsehen erregt. Der Extrakt der nicht einfachen Individual- und Sozialpsychologie Oppenheimers ist am anschaulichsten zuletzt von dem Königsberger Soziologen Wilhelm Vleugels (in Schmollers Jahrbuch, 54. Jahrgang, 1930) aus dem Gesamtwerk herausgelöst worden. Die Krankheitsdiagnose über unsere gegenwärtigen Gesellschaftszustände iautet bei Oppenheim er so: „Wir haben eine kranke Gesittung, eine kranke Zivilisation und eine kranke, in Paroxysmen aufschießende und ebenso rasch wieder versinkende krampfhafte Kultur, wie wir eine krankhafte Wirtschaftsgesellschaft, einen kranken Staat, ein krankes Recht und eine kranke Sitte oder Konvention haben". Oppenheimers eigner Leitstern ist das „allgemeine Sittengesetz" in der Kant-Nelsonschen Fassung, kurz ausgedrückt in der Maxime: „Handle gerecht" Wird hier mittels eines „Systems" nicht ein ganzes Land abgesperrt und eingehegt, um einen einfachen Hasen zu erlegen? Oder handeln wir ungerecht, kurzsichtig und oberflächlich, aus einem universalwissenschaftlichen Fundamentalwerk als Quintessenz einen Kalenderspruch herauszuziehen? Es frägt sich nur, ob man dem Nichtfachmann von dem Wesen des Grundwerkes nicht einen deutlicheren Begriff macht durch Hervorkehren der „persönlichen Gleichung" des Verfassers als durch eine notwendig abgekürzte Nachzeichnung etwa der Lehren von den „Modalen Trieben" oder den „Sozialen Prozessen". Um welche Details der Nachzeichnung es bei einem wirklichen Erfassen des großen Systems gehen müßte, mag man daraus entnehmen, daß es 14