Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 1 (April 1934)
- Article
- Franz Oppenheimers Werk
- Date
- 1934-04-01
- Page
- 16 (sequence 7)
- Language
- German
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Max Wiener: Religion und Volkssitte Zum Peßachfest. Zu den Spannungen, die innerhalb des geschichtlichen jüdischen Bewußtseins wirken, gehört — für den Außenstehenden vielleicht am meisten auffallend — die zwischen persönlicher Überzeugung und der Wucht traditionellen Lebens. Das Judentum hat von den Propheten ab den Gedanken aufgebracht, daß Religion wahr sein müsse, daß folglich das Bekenntnis zu ihr die Sache der Wahrhaftigkeit der einzelmenschlichen Seele sei. Und wenn das Forschen in der Lehre, das „Lernen" jedem zur Pflicht gemacht wurde, so geschah das aus dem Gefühl heraus, daß Gott mit jedem Israeliten in der Fülle der Geschlechter den alle verpflichtenden Bund geschlossen habe. Kein Einziger durfte fehlen; denn alle zusammen bildeten vollwertig und vollwichtig die eine Gemeinde. Auf der anderen Seite war die traditionelle (Schluß von Seite 15) Geschichte. Aufstieg und Abstieg der Juden während des Mittelalters kann auch Oppenheimer nicht ohne die Hereinziehung der „religiösen Frage" behandeln, die nach seiner Grundauffassung die wirklich wirksamen Kräfte der Geschichte verhängt und verbirgt. Bei jener Skizze kommt er auf die „religiöse Frage" nur auf der christlichen Seite zu sprechen; aber er will sie lediglich als „Vorwand" der christlichen Geschäftskonkurrenz gelten lassen. — Von Franz Oppenheimer bleibt die faszinierende, prachtvolle Persönlichkeit Der Sohn des Predigers an der Berliner jüdischen Reformgemeinde bleibt zeitlebens religiös „neutral", er bleibt auch nach 1900 in das 19. Jahrhundert eingetaucht. Der große Idealist, der fest daran glaubt, daß die Geschichte trotz allem aufwärts läuft, dem Ideal des kantischen Staates des Rechts und der Freiheit entgegen, hat eine materialistische Geschichte des Ganges der Menschheit durch die Welt geschrieben. Seiner verehrungswürdigen Persönlichkeit, der Wahrheit und Gerechtigkeit über alles auf der Welt gehen, waren wir es schuldig,, sein in zahlreichen Bänden dargestelltes Weltbild so wieder zu zeigen, wie es dem heutigen Menschen, Deutschen, Juden erscheint. 16