Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 1 (April 1934)
- Article
- Deutsch-jüdische Wanderungen im 19. Jahrhundert
- Date
- 1934-04-01
- Page
- 8 (sequence 5)
- Language
- German
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B. Weinryb Vereinigten Staaten von Nordamerika ausgewandert ... es waren diesmal nicht bloß junge Leute, sondern 6 Familienväter mit Frauen und Kindern. Wahrhaft rührend und herzergreifend war es, als ein Greis von 80 Jahren, von dessen 12 Kindern nun 11 ausgewandert sind, Abschied nahm. Die Ursache dieser befremdlichen Erscheinung in Würtemberg liegt zum Teil darin, daß schon seit 30 Jahren her viele von hier nach den Vereinigten Staaten auswanderten, dort ein gutes Unterkommen und freiere Thätigkeit fanden; diese luden nun ihre daheimgebliebenen Verwandten zu sich hinüber. . Die hiesige Kirchengemeinde zählt gegen 500 Israeliten. Da nun die Zahl der Ausgewanderten bis jetzt auf 92 Seelen angewachsen ist, so macht dies schon den fünften Theil der Gemeinde aus, ein Umstand, der fühlbare Lücken entstehen läßt. Dieser Partie schlössen sich übrigens einige Familien aus Buttenhausen an." (Israelit. Annalen 1839.) „Die Auswanderungslust ist bei den Israeliten unseres Kreises noch immer im Zunehmen begriffen, und scheint ihren Höhepunkt erreichen zu wollen. Fast in jeder Gemeinde schicken sich mehrere an, auf das nächste Frühjahr ihr Vaterland zu verlassen, und jenseits des Weltmeeres ihr Glück zu suchen, am meisten in Ichenhausen, der größten israelitischen Gemeinde in Schwaben, mit ungefähr 200 Familien. Wenn ich anders recht berichtet bin, sollen an diesem Orte allein 60 Personen an die Reise denken, denen sich die Auswanderer von Osterberg (einer zum Rabbinate Altenstadt gehörigen kleinen und armen Gemeinde von kaum 25 Familien), etwa 20 an der Zahl, anschließen wollen. Das Auswandern ist bei uns eigentlich nichts Neues, obwohl es freilich nie so stark und allgemein gewesen. Man war längst daran gewöhnt, daß Jünglinge, die mit dem Wanderstab in der Hand in die Welt hinausgegangen waren, zuletzt aus Mangel an Aussicht auf ein Etablissement in ihrem Geburtsorte (da abgesehen von dem harten Zunftzwang, in Flecken und Dörfern die Professionen so leicht übersetzt werden), in verschiedenen fremden Ländern sich niederließen. Auch zogen seit undenklicher Zeit unbemittelte Mädchen (bisweilen alljährlich) m ganzen Scharen (vom besseren Verdienste gelockt) nach Italien, wo sie sich in den jüdischen Gemeinden als Dienstmädchen verdungen, und manche auch verblieben. Jetzt hingegen ist Nordamerika, woher von den früher Eingewanderten die vortheilhaftesten Berichte kommen, . . . das einzige Ziel aller, die dem Heimathlande ,Lebewohl' sagen wollen . . (Israelit. Annalen 1840.) „16. Mai 1845. Vorige Woche schifften sich hier (Mainz) 200 bairische Juden ein, um in Nordamerika ein neues Vaterland zu suchen. In einem einzigen Orte hiesiger Gegend, wo kaum 24 jüdische Familienväter wohnen, zählt man heuer 11 Auswandrer nach Amerika, die trotz ihrer kindlichen Liebe zum Vaterlande ihre Heimat verlassen mußten, um in einem neuen Erdteile ihre Existenz zu begründen." (Allgem. Zeitung des Judentums.) Auch in anderen Quellen wird in den 40er Jahren der Unterschied von der früheren Auswanderung — junge unverheiratete Leute, größtenteils Handwerker — zur damaligen hervorgehoben, die sich aus ganzen Familien zusammensetzte, wobei sich oft mehrere Familien zu größeren Gruppen zusammentaten. Die Wirtschaftskrise der 40er Jahre und die Auswirkungen der Veränderungen im Wirtschaftsaufbau des Landes, die durch dessen Kapitalisierung zutage traten, verschlechterten noch mehr die Lage der Juden. Nach 1848 kam noch die Enttäuschung hin- 8