Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 1 (April 1934)
- Article
- Deutsch-jüdische Wanderungen im 19. Jahrhundert
- Date
- 1934-04-01
- Page
- 7 (sequence 4)
- Language
- German
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Deutsch-jüdische Wanderungen im 19. Jahrhundert Auch im übrigen Preußen war die Auswanderung bei den Juden größer als bei den Nichtjuden. In den Jahren 1840—67 war das Obergewicht der Mehrauswanderung über die Einwanderung bei den Juden in Preußen etwa 7 mal so groß wie bei den Nichtjuden. Wenn man in Betracht zieht, daß die Berechnung der Mehrauswanderung durch den Abzug des normalen Geburtenüberschusses erfolgt, wobei der in jener Zeit noch stärkere Geburtenüberschuß bei den Juden kaum in Betracht gezogen wurde, und daß schon damals eine, wenn auch nicht große, Einwanderung vom Osten her bestand, so muß die tatsächliche Auswanderung der Juden aus Preußen noch größer gewesen sein. Neben Posen und Preußen hatten auch Bayern und Württemberg starken Anteil an der jüdischen Auswanderung. In Bayern hatte das aus dem Jahre 1805 bzw. 1813 stammende Gesetz über die Judenmatrikel bis 1861 Gültigkeit, wonach nur ein Kind die Matrikelnummer bekam, sich ansässig machen und einen Erwerb ergreifen durfte; die übrigen Kinder mußten anderswo ihr Glück suchen. In den Jahren 1840—52 sind aus Bayern über 10000, in den Jahren 1840—71 20—25 000 Juden ausgewandert, während die jüdische Bevölkerung in Bayern 1840 59376 Seelen ausmachte. Auch aus den rheinischen Gebieten, wie aus Böhmen und Mähren sind Juden nach Paris, London und hauptsächlich nach Amerika gegangen. Nach den erhaltenen spärlichen Nachrichten begann die Auswanderung aus den deutschen Ländern nach dem Westen und nach Amerika schon nach den Freiheitskriegen. Jedenfalls bestanden in Nordamerika um 1830, nach den Angaben des Reisenden Benjamin, drei jüdisch-deutsche Gemeinden. Nach einer Zeitungsnotiz von 1839 war damals aus einer kleinen Gemeinde in Württemberg mehr als ein Fünftel bereits ausgewandert. Ebenso erfahren wir ein Jahr später von Ichenhausen, daß das Auswandern dort schon von lange her bekannt sei. Junge Leute hätten schon immer den Wanderstab ergreifen müssen, um ihre Nahrung in anderen Ländern zu finden; auch seien jüdische Mädchen von jeher nach Italien gegangen, wo sie als Dienstmädchen Beschäftigung fanden. Jetzt, fährt der Korrespondent fort, wandern auch schon ganze Familien aus. Am besten illustrieren die Stimmung die Zeitungsnotizen selbst, von denen wir hier einen Auszug geben: „Bisher lasen wir nur aus unserem Nachbarlande Baiern zum öftern Berichte über Auswanderungen von Israeliten nach den Nordamerikanischen Freistaaten. Jetzt habe ich Ihnen, obgleich die Ursachen und Verhältnisse ganz andere sind, Ähnliches aus einer Gemeinde des Königreichs Würtemberg zu melden. Am jüngsten Sonntage, den 16. Juni, sind nemlich von der Kirchengemeinde Jebenhausen, 8 Stunden von Stuttgart, einige junge Leute, die schon vor einigen Wochen vorausgegangen sind, mitgerechnet, 50 Seelen mosaischen Glaubensbekenntnisses nach den 7