Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 1 (April 1934)
- Article
- Deutsch-jüdische Wanderungen im 19. Jahrhundert
- Date
- 1934-04-01
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
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B. Weinryb So versuchte man sein Glück in der Auswanderung. Die ersten jüdischen Einwanderer in Amerika waren Handwerker, die im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot verdienten. II. Doch hatte die Wanderung deutscher Juden schon früher begonnen. Ihre ersten Spuren sind schon um die Wende des 18. Jh. zu finden, wenn man von der noch früheren Wanderung der sogenannten zweiten und dritten Kinder absieht, die aus der Beschränkung des Schutzes auf ein einziges Kind hervorgegangen waren. Schon hier waren neben Kaufleuten und Handwerkern Intellektuelle vertreten. In Polen sind um diese Zeit vereinzelt jüdische Ärzte anzutreffen, die aus Preußen stammten. Zur Zeit der preußischen Herrschaft in Polen (1795—1806) kamen dorthin, hauptsächlich nach Warschau, mehrere Juden aus Preußen, die Banken und Wechselhäuser eröffneten. In Warschau wurde sogar von einer Gruppe solcher Juden 1802 eine „deutsche" Synagoge mit Predigt in deutscher Sprache begründet. Während der Napoleonischen Kriege gelangten jüdische Lieferanten aus Deutschland nach Polen wie nach Rußland, die zum Teil später dort geblieben sind. Aus den späteren Jahren berichten die spärlichen Quellen vereinzelt von jüdischen Fabrikanten, Webern und Fabrikmeistern aus Deutschland, die ebenso wie die Nichtjuden ihre Betriebe nach dem Osten übertrugen oder von jüdischen Fabrikanten dorthin als Meister geholt wurden. Ebenso stammte damals ein großer Teil der jüdischen Ärzte in Polen aus Deutschland. Vereinzelt sind auch Lehrer von Deutschland nach dem Osten gegangen, und als in den 40er Jahren der aus München stammende Dr. Lilienthal von der russischen Regierung beauftragt wurde, moderne Schulen für die Juden in Rußland zu eröffnen, wollte er für das Schulwerk deutsche Lehrer verpflichten. Aber das verarmte Osteuropa mit seiner jüdischen Übervölkerung hatte kaum Platz für jüdische Einwanderung; im Gegenteil, die dortigen Juden selbst wanderten seit der ersten Hälfte des 19. Jh. in immer größeren Massen aus; nur Einzelne oder kleine Gruppen deutscher Juden mit Spezialberufen konnten dort auf die Dauer ihr Unterkommen finden. So setzte zunächst eine Binnenwanderung ein, die beträchtliche Teile in wenige große Städte zusammenzog. Bei den Juden aus dem Netzedistrikt und der Provinz Posen z.B. begann die Übersiedlung in die Großstädte schon kurze Zeit nach ihrer Einverleibung in Preußen; sie wandten sich hauptsächlich nach Berlin, wo sich Kolonien dieser Juden allmählich herausbildeten. Aber noch mehr gingen nach Paris, London und Amerika. In den Jahren 1834—71 haben sich die Juden in Posen etwa 11 mal so stark wie die Nichtjuden an der Auswanderung beteiligt. 6