Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 1 (April 1934)
- Article
- Deutsch-jüdische Wanderungen im 19. Jahrhundert
- Date
- 1934-04-01
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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B. Weinryb: Deutsch-jüdische Wanderungen im 19. Jahrhundert 1831—40 über 150 000 und 1841—50 über 430 000 Deutsche nach Amerika ausgewandert). Selbstverständlich wirkte sich die Verschlechterung der allgemeinen wirtschaftlichen Lage in Deutschland auch auf die deutschen Juden aus. Unter dem Rückgang des Handels mit dem Osten litt der jüdische Kaufmann. Die jüdischen Kleinkramer und Hausierer, die den überwiegenden Teil der damaligen deutschen Judenheit ausmachten, wurden durch die Verarmung des Bauern und Handwerkers in Mitleidenschaft gezogen; andererseits verdrängte sie die einsetzende Kapitalisierung von Handel und Industrie teilweise aus ihrer bisherigen Erwerbstätigkeit. Dazu kam noch die besondere rechtliche Lage der Juden, die wiederum auf die wirtschaftliche nicht ohne Einfluß war. Die nach den Freiheitskriegen einsetzende politische Reaktion, Verordnungen in Preußen, die das Edikt von 1812 im Grunde genommen aufhoben, Gesetze gegen die Juden in Bayern und anderen deutschen Ländern und der beginnende wirtschaftliche Konkurrenzkampf verschlechterten ihre wirtschaftliche Lage und richteten Schranken auf, die eine Eingliederung in das wirtschaftliche und politische Leben des Landes verhinderten. Andererseits wurden im deutschen Osten die Juden bei dem Kampf der polnischen Bevölkerung gegen die deutschen Regierungsorgane stark betroffen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist bei den deutschen Juden, wenn auch nicht in großem Stil, eine Berufsumschichtung vor sich gegangen, deren Gründe in den Umschichtungstendenzen und Strömungen der Zeit, noch stärker aber in der tatsächlichen Not lagen. Bis zur Mitte des Jahrhunderts kann man in den verschiedenen deutschen Ländern eine ziemlich starke Zunahme des Handwerks bei den Juden feststellen. Andererseits haben sich während dieser Zeit kleinere Gruppen von Juden für die freien Berufe ausgebildet. Die jüdischen Handwerker waren bei der kleinen Zahl der jüdischen Bevölkerung in Deutschland auf den nichtjüdischen Konsumenten angewiesen; um existieren zu können, mußten sie sich der Lebensweise und den Sitten der Nichtjuden in einem Maße anpassen, das vielfach eine Durchbrechung der überkommenen jüdischen Lebensweise notwendig machte. Die Gegnerschaft der nichtjüdischen Handwerkerzünfte oder Magistrate machte die Niederlassung eines jüdischen Handwerkers oft unmöglich. Wie ein Zeitgenosse, der Historiker Marcus Jost, in einem Briefe aus den 30er Jahren berichtet, vergrößerte sich dadurch die Not der Juden. „Die Söhne Israels haben Kenntnisse und Wissen erworben, und als sie damit ihr Brot verdienen wollten, wandten sie sich nach allen Seiten, und da lastete das Joch der Tradition auf ihnen, und sie haben kein Brot zum Essen und kein Kleid zum Anziehen." 5