Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 9 (März 1934)
- Article
- Wirtschaftsschicksal und Lebenswille
- Date
- 1934-03-01
- Page
- 519 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wirischaflsschicksal und Lebenswille frei erfaßt werden; denn die öffentlichen Arbeitsämter nehmen Zählungen nach konfessionellen Gesichtspunkten nicht vor, und die jüdischen Arbeitsnachweise erfassen bei weitem nicht alle jüdischen Arbeitslosen, zumal zu ihnen in verhältnismäßig großer Zahl die „ungesetzlichen" Arbeitslosen gehören, frühere Selbständige, die keinen Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung haben. 1933. Das Schicksal jeder jüdischen Familie in Deutschland, auf dem Land wie in der Mittelgemeinde und der Großstadt, besagt über den weiteren Rückgang der wirtschaftlichen Stellung und der sozialen Existenz mehr als Zahlen und Beispiele. Die Linie der Entwicklung verläuft rapide abwärts. Das Tempo ist unerhört beschleunigt. Was jahrelang Gegenstand vorwiegend theoretischer Erörterungen war, ist tragische Wirklichkeit auch deshalb geworden, weil die eigenartige Schichtung der Juden die nunmehr dringend notwendig gewordenen Umstellungen stark erschwert. Um so umfassender gestalten sich alle in die Wege geleiteten Abhilfsmaßnahmen. Wirtschaftliche Basis und gesellschaftlicher Bau sollen und werden neuen Inhalt, neue Formen, ein neues Gepräge erhalten. Was vorging und was vorgeht, ist gekennzeichnet durch die Formel einer „Zurückdrängung jüdischen Einflusses" auf allen Gebieten. Gesetzliche Maßnahmen richten sich zwar vorwiegend gegen Juden als Beamte und Angehörige freier Berufe. Doch auch mancher jüdische Kaufmann hat durch Erscheinungen wie Ausschluß von der Lieferung an Behörden, durch Kaufverbote und Inseratensperre, durch Kreditverweigerung u. a. eine solche Schrumpfung seines Umsatzvolumens erlebt, daß er um die weitere Existenz seines Betriebes ernsthaft zu kämpfen hat. Wie manches Unternehmen ist bereits vernichtet, wie viele Betriebe wurden unter diesen Umständen gleichgeschaltet! Dennoch gewinnt es nach den zahlreichen Kundmachungen von Regierungsorganen und Wirtschaftsverbänden zur Beruhigung der Wirtschaft den Anschein, als ob der wirtschaftlichen Betätigung der Juden weiterhin keine wesentlichen neuen Hemmnisse in den Weg gelegt werden, soweit eben nicht gesetzliche Schranken Hinderungsgründe darstellen. Es gibt Branchen, in denen Juden besonders hart betroffen sind, so der Viehhandel, das ambulante Gewerbe, der Handel mit landwirtschaftlichen Produkten. Der jüdische Vertreterstand hat vielfach schwer zu kämpfen. Wie weit sich der erst im Werden begriffene ständische Aufbau, die berufsständische Sozialordnung auf die wirtschaftliche Betätigung der Juden auswirkt, ist noch nicht zu übersehen. Eine Reihe von Wirtschaftsverbänden, die ja zu den Fundamenten dieses neuen großen Werkes gehören, hat Juden von .der Mitgliedschaft ausgeschlossen, mindestens 519