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Der Morgen · 1934-03-01 · Heft 9 (März 1934) · p. 518

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 9 (März 1934)
Article
Wirtschaftsschicksal und Lebenswille
Date
1934-03-01
Page
518 (sequence 3)
Language
German
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IRI
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Ernst G. Löwenthal dem haben Richtung und Tempo der wirtschaftlichen Entwicklung seitdem in vielen Fällen den selbständig wirtschaftenden Menschen stark zurückgedrängt und in Angestelltenpositionen versetzt, sofern man nicht überhaupt arbeitslos wurde. Die Zahl der Arbeitnehmer ist demnach auf Kosten der jüdischen Selbständigen erheblich angewachsen. Man kann jetzt mit einer Zahl von schätzungsweise 100 000 jüdischen Angestellten in Deutschland rechnen; ihr gegenüber stehen insgesamt über 300 000 hauptberuflich erwerbstätige Juden. Als noch typischer für die wirtschaftliche Struktur muß die eigenartige berufliche Gliederung der deutschen Juden angesehen werden. Zwar sind Juden in sämtlichen 166 Wirtschaftsfeldern der Berufszählung von 1925 vertreten; aber das Zahlenbild zeigt starke Unterschiede in der Verteilung auf die einzelnen Wirtschaftsgruppen. Der verhältnismäßig große Anteil der arbeitenden jüdischen Bevölkerung am Handel und an den freien Berufen ist die natürliche Folge der oft dargestellten historischen Entwicklung. Er steht im Gegensatz zu der Berufsgliederung der deutschen Gesamtbevölkerung, bei der Industrie und Handwerk an erster Stelle stehen und erst nach der Land- und Forstwirtschaft die Gruppe Handel und Verkehr folgt. Die Entwicklung der letzten Jahre bedeutete eine weitere grundlegende und weitgreifende Verschiebung im sozialen Aufbau. Ein Stück blühenden bürgerlichen Mittelstands sank in eine niedrigere soziale Schicht, verringerte Einkünfte konnten nicht durch Nutzung von Vermögenswerten wettgemacht werden: eine Entwicklung, die die große Masse der erwerbstätigen Juden im Maße ihrer stärkeren Beteiligung an den betroffenen Wirtschaftszweigen um so stärker erfaßte und die auch nicht deshalb an Bedeutung und Wirkung unterschätzt werden darf, weil es selbstverständlich auch Ausnahmen gab, weil Kräfte erhalten und Betriebe gesund blieben. Im ganzen genommen ging die Linie weiter abwärts. In derselben Epoche, charakterisiert durch Zahlungsschwierigkeiten und alle die sich daraus ergebenden bekannten Konsequenzen, nahm die Tendenz der Ausschließung aus antisemitischen und, wie es Ludwig Holländer einmal genannt hat, asemitischen Gründen zu. Wenn man Selbständigkeit und ein wenigstens mittleres gesichertes Eigentum als wesentliche Merkmale für den umstrittenen Begriff „Mittelstand" gelten läßt, so ist festzustellen, daß ein nicht unbeträchtlicher Teil der erwerbstätigen Juden in den letzten Jahren jedenfalls nicht mehr zum' Mittelstand im älteren Sinne gerechnet werden kann, vielmehr der Proletarisierung entgegengeht. Das gilt sowohl für Kaufleutc wie für Angehörige geistiger Berufe. Arbeitslosigkeit und Verarmung sind keine Seltenheit mehr. Die Zahl der jüdischen Arbeitslosen in Deutschland konnte statistisch niemals einwand- 518

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