Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 9 (März 1934)
- Article
- Das gute jüdische Herz
- Date
- 1934-03-01
- Page
- 515 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Das gute jüdische Herz auf: der Mensch wird religiös, ist plötzlich jüdisch. Auch im „Kaddisch"-Lied wird das Kind-Eltern-Verhältnis vor den Hörer gestellt und damit das Familiengefühl angesprochen, und wieder bricht der Tod als unverrückbare Tragik ein. Die Sprengung des Familienlebens, das Zurückbleiben der Witwe mit „einem Kind", — das ergreift, wühlt alte Wunden auf. Brocken der altbekannten Sprache sorgen für greifbar Jüdisches; der ruhige, demütige Aufblick zu Gott verebbt davor, darüber geht man hinweg, damit steht man in keinem Zusammenhang. Wie sollte auch ein „Schlager" das Verhältnis zu Goit wiederherstellen, das eine lange Geistesentwicklung zerstört hatte? Fast zum Volkslied aber wurde ein drittes Lied, das sich die Lebensentwicklung des Hörers selbst zum Thema nahm. In die Zeit wirtschaftlichen Erfolges gehörte auch das Lied vom überragenden Wirtschaftserfolg, das heute noch zuweilen gehörte „Rothschild-Lied". Wie sich geschickt hier der äußere Ablauf, der Weg eines jüdischen Menschen zum Erfolg, mit der Innigkeit vom Sohn zur Mutter und von der Mutter zum Sohn verbindet, wie selbst der gewaltig reiche Rothschild als Kind seiner Mutter immer wieder „klein" genannt wird, wie immer wieder die bittende mütterliche Ermahnung hindurchzieht: „werde so groß, aber bleib so ,bckowet' wie Rothschild", das ist der einzigartige Ausdruck des Geistes jener Zeit, des „guten jüdischen Herzens". Es war ein Lied für Menschen, die zum größten Teil im Wirtschaftsleben standen, die selbst einmal fast als Knaben noch die Mutter verlassen mußten und hinaustraten in die Lehrzeit des Lebens, die alle, getragen von dem freien Wirtschaftsgeist der Zeit, wenn auch keine Rothschilds, so doch selbständige, unabhängige Kauflcute wurden. In diesem Lied lag zudem noch ein Band der Gemeinsamkeit, das von dem Namen Rothschild ausging, und ein Stolz: „einer von uns." Aber im Beisein von Außenstehenden kam es einem doch so vor, als ob man in seiner Rührung ein Geheimnis offenbare, etwas enthülle, was schamhaft jeder Mensch in seiner Brust verschließt, um es dem Blick und Zugriff eines anderen zu entziehen. Vielleicht hing das mit dem Begriff »bekowef zusammen. Wen der im Kern der Religion verwurzelte Orthodoxe einen „Zadik" nennt, den vor Gott und den Menschen Gerechten, der ist für den säkularisierten Juden, wenn er das eigentümlich Jüdische bezeichnen will, der „bekowete Mensch". Das dunkel warnende Gefühl, in den Stürmen, die zum Erfolg führen, die innere Einstimmung, das Seelenhafte nicht zu verlieren, der Zuruf des Gewissens, — das läßt den Menschen „bekowet" sein. Innere Würde, ohne die eine nur von außen anerkannte Ehrenhaftigkeit nichts gilt, gehört dazu wie in der „bekoweten Familie" die Harmonie des Zusammenlebens, Überhaupt bedeutet „bekowet" 5/5