Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 9 (März 1934)
- Article
- Das gute jüdische Herz
- Date
- 1934-03-01
- Page
- 514 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895515-2895525-2903668--06938-2903730- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ernst Reich auf der Flucht aus der Heimat Weib und Kind verloren hatte. In dem stillen Ton eines über die Schicksale des Lebens erhabenen Gemütes berichtet der arme, kleine Geiger von dem einzigen großen Glück seines Lebens, dem verlorenen Töchterchen, nicht aufschreiend oder anklagend, sondern in verstummender Feststellung, im Bewußtsein der eigenen, allzu engen Begrenztheit im äußeren Leben und in der als Handwerk geübten Kunst. Das „Ghetto-Lied" führt den modernen Hörer zum „Nebbich"-Sagen. Und dieses „nebbich" mit der nicht ausschöpfbaren Fülle seiner Bedeutungen zwischen ironischer Verachtung und verstehendem Mitleiden, — hier ist es Ausdruck der Saturiertheit und schneidet damit jede tiefere Wirkung ab, die den kleinen Ablauf des Geschehens im Lied ausweiten wollte über ein Einzelschicksal hinaus. Ohne den Blick vom Vereinzelten zum Symbolhaften zu heben, rührt einen nur die Klage des Vaters um sein Kind. Alan ist so gestimmt wie beim Hören eines der üblichen melodramatischen Chansons, etwa im Bajazzo-Stil, wo der Clown unter der grinsenden Maske menschliches Fühlen verbirgt. Doch hier ist die Figur Jude, und so breitet sich ein magisches Band der Gemeinsamkeit zwischen Figur und Hörer. Man ist persönlich angesprochen, Erinnerung verschwistert sich mit dem Mitfühlen der tragischen Vaterliebe. Man wäre aber nicht ein Kind seiner Zeit, stellte man sich nicht außerdem den Unterschied zwischen eigenem Lebenserfolg und der sozial tiefer stehenden, im Leben scheiternden Figur vor. Man läßt sich bei Liedern dieser Art von dem Fluidum tragen, verzichtet von vornherein auf vernünftigen, widerspruchslosen Inhalt. Man hört ein anderes Lied, „Kaddisch", ein Lied vom Kriege, in dem ein polnischer Jude, der in den Krieg zieht — es ist zumeist der polnische Jude, der hier die Rolle spielt, der Westjude hat aufgehört, tragisch zu wirken —, sein Weib bittet, sich auch durch seinen Tod nicht zu sehr beugen zu lassen, auch der Tod liege im Willen Gottes. In diesem unerschütterlichen Gottvertrauen soll sie das Kind erziehen. Das Lied will zeigen, wie die Erschütterung der Frau bei der Todesnachricht zu Gott findet. Nur durch Unkenntnis der Religionsvorschrift kommt das Lied überhaupt zu seinem Titel „Kaddisch". Aber gerade dieses Wort trifft den modernen jüdischen Menschen an der empfindlichsten Stelle. Kaddisch, das ist der religiöse Akt, dem man sich nicht entziehen kann; Totenkult gehört zu allem Lebendigen; die Seelenfeier erhebt sich zum Mittelpunkt der gottesdienstlichen Handlung, sie bleibt fast allein noch religiös lebendig. Kindschaft, Elternschaft und Tod sind letzte metaphysische Bindungen in dem durchrationalisierten Leben (das übrige erklärt man mit den Formeln der Naturwissenschaft). Man hat dieses Gefühl Religion genannt, und immer wieder taucht es im Durchschnittsmenschen 514