Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 9 (März 1934)
- Article
- Das gute jüdische Herz
- Date
- 1934-03-01
- Page
- 513 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Reich: Das gute jüdische Herz heit. Vollgepfropft mit den Anschauungen einer Umwelt, die, selbst problematisch, alles „problematisch" machte, unterdrückte man Fremden gegenüber die ungebrochene Menschlichkeit im Wesen von Vater und Mutter, um erst wieder nach dem Tode dann den Vater als Verkörperung des ehrbaren, rechtlichen Kaufmanns, die Mutter als das Muster hausfraulicher Sparsamkeit und Tugend Kindern und Freunden zu preisen, weil die Selbstverständlichkeit ihres Judeseins in ihrer Echtheit bestach. Die Erinnerung an das Früher gehörte an sich nicht zu dem Weg des modernen Menschen, und doch gab man sich ihr — uneingestanden — gern hin, gleichsam um eine unbekannte Schuld gegen einen unbekannten Gläubiger abzutragen. Es wurde in der mittelbürgerlichen sozialen Schicht, von der wir sprechen, bald zur Gewohnheit, bestimmte Tatsachen im Seelenleben auf dieses Konto zu setzen, das man merkwürdigerweise „jüdisch" nannte, beileibe nicht „religiös"; denn zwischen formaler Religionsübung und der hier skizzierten jüdischen Haltung gab es keinen Zusammenhang. Die Rührung gehörte zum „guten Ton" des jüdischen Lebens, eine andere Rührung freilich als beispielsweise im Theater bei Ibsen oder bei Strindberg, eine viel hausbackenere Rührung als vor der Puccini-Oper. Das Gefühl dieser Rührung war inniger und innerlicher, ein längst versunkener Lebenskreis nahm undeutlichen Umriß an. Man sprach, wenn man sich wehmütig in der Vergangenheit zurücksehnte, vom „guten jüdischen Herzen" und verstand mehr darunter als nur in das bürgerliche Leben eingeordnete Wohltätigkeit. Freilich schuf man sich dadurch auch einen bequemen Gemeinplatz, auf dem man manchmal unbequeme Regungen abladen konnte. Der Verwandlung des kalten Herzens, dem Erwachen des Herzens aus seiner Trägheit zum guten und jüdischen soll hier gefolgt werden, auf einem Umwege zwar; aber seine ausgetretenen Geleise erzählen, daß man ihn oft beschritt, viel öfter als die vorgeschriebene Straße zum jüdischen Leben. Man war auch gar zu schnell von der vorgeschriebenen Straße abgelenkt; hier lagen Bücher, durch deren abstrakte Definitionen sich der wissenschaftlich Ungeübte nicht durchkämpfen konnte, oder Dogmen, an denen ein aufklärerisch geformter Geist mit Achselzucken vorüberging. Auf Seitenwegen aber lockte die leichte Muse des Vergnügens mit angenehmen, beschwingenden Tönen, geliebt und gesucht. Sie kannte eine ganz besondere Art von Liedern, zwischen Volkslied, Chanson und synagogaler Melodie, die dann in viele jüdische Häuser einzogen und sich mühelos in die dort gepflegte jüdische Tradition einfügten. Da sang man das Lied eines bekannten Operettenkomponisten, das er „Ghetto" nannte, die Geschichte eines in die Großstadt verschlagenen polnischen Juden, eines Musikanten, der 513