Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 9 (März 1934)
- Article
- Legende von den Juden
- Date
- 1934-03-01
- Page
- 511 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Samter: Legende von den Juden Augenblick freilich vermochte er noch nicht, dies alles zu fassen. Er sah die Prüfung, aber er mußte sie gegen den eigenen Willen bestehen. Er erhielt keine Antwort auf sein Gebet, und die Tränen traten ihm in die Augen. Aus der Qual des Grübelns führte immer der gleiche steinige Weg: daß er die Erde gerade in dem Augenblick am schmerzlichsten verloren hatte, in dem er sie am sichersten gewonnen zu haben vermeinte. Und erst der dumpfe Schlaf der Erschöpfung erlöste ihn aus dem unentrinnbaren Gleichschritt der Gedanken. Der nächste Morgen brachte eine kurze Besprechung, von der Herbert ausgeschlossen war: man besprach die Vorbereitungen des Festes und wollte ihn überraschen. Der Tag verging mit ungebundener Beschäftigung, da Herbert der Hände wegen nicht an der geregelten Arbeit teilnehmen konnte. Er setzte sich an ein Buch, aber er fand keine Ruhe zum Lesen. Kaum vermochte er die Teilnahme der anderen zu ertragen. Der Nachmittag war für die Vorbereitungen freigegeben, alles ging heimlich und ohne Aufsehen vor sich, Gruppen standen herum, andere beschäftigten sich mit der Ausschmückung des Gemeinschaftsraumes, in einer Ecke übte die Kapelle, ein Trio, das sich auch zu ernsterer Musik zusammengefunden hatte. Wie ein Nachtwandler ging Herbert durch sie alle hindurch, unfähig zu denken, in einer gelinden Beschämung, daß ihm dieser Aufwand galt, für eine Handlung, über die zu sprechen sich kaum verlohnte. Aber die anderen wollten es, es machte ihnen ein unbändiges Vergnügen, zu basteln und zu bauen, zwischendurch neckten sie ihn zärtlich, daß er so untätig unter ihnen blieb, und er gab die freundlichen Püffe, die er erhielt, freundlich mit den verbundenen Händen zurück. Das alles war sehr reizend, ein großes Plakat wurde gemalt und angeschlagen, „Fest der fallenden Bäume", und es hätte, fühlte Herbert, niemals Abend werden dürfen. Sie saßen alle um den gemeinsamen Tisch, das Essen war eben beendet, nun warteten sie in der Spannung, die sie alle aus den kleinen Festen der Schule kannten, daß irgend etwas geschehe, und schon erhob sich auch der Leiter, gebot Ruhe und fing an zu sprechen. Er gedachte des tapferen Zugreifens Herberts, betonte, daß jeder an seiner Stelle das Gleiche getan hätte, und daß er stolz auf seine Jungen sei, daß er sie mit dem Maß dieses Glaubens messen dürfe. „Dessenungeachtet", fuhr er fort, „gehören Tat und Anerkennung zusammen. Ihr habt das selbst erkannt, sonst wärt Ihr nicht mit so freudigem Herzen dabei, dieses Fest zu feiern. Ich glaube, daß ich es nicht schöner beginnen kann, als dadurch, daß ich Euch sage, daß Herbert die Uniform der jungen Garde des neuen Staats wird tragen dürfen." Brausender Jubel erhob sich. Er wich atemloser Stille, als nun Herbert aufstand, totenbleich, die Hände gegeneinandergepreßt 511