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Der Morgen · 1934-03-01 · Heft 9 (März 1934) · p. 512

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 9 (März 1934)
Article
Legende von den Juden
Date
1934-03-01
Page
512 (sequence 8)
Language
German
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Ernst Reich: Das gute jüdische Herz Ein Lebensgefühl in drei Liedern Es ist noch nicht allzu lange her, da verstand man unter jüdischer Haltung einen Zustand, der eben dort anfing, wo die genormte Klarheit des Verstandes aufhörte und das schwimmende Gefühl die Tränen in den Augen lockerte. Weil das tiefere jüdische Wissen verloren gegangen war, weil der Einzelne den Rest lebendigen Glaubens in den übriggebliebenen Formeln nicht mehr entdecken konnte, zog sich das Bedürfnis nach dem Jüdischen dorthin zurück, wo Lösung vom Kalkül des Alltags, Berührung mit dem Unerklärbaren lockte, Rührung auslöste. Es gehörte doch beispielsweise nicht in den Kreis des eigenen „fortschrittlichen" Hauses, sich ab und zu von einer Art Heimweh überkommen zu lassen, einem wehmütigen Sehnen nach der Vergangenheit des stillen, jüdischen Elternhauses. Man war doch Glied einer Generation, die sich bis ins Einzelne stolz und gründlich von der vorhergehenden unterschied; man schämte sich bereits mit dem 20. Lebensjahr der Einfachheit seiner Eltern, und nicht nur der materiellen, sondern auch der seelischen Einfaeh- (Fortsetzung von Seite 511) Es sah aus, als wolle er etwas sagen, aber die Lippen fanden sich nicht zu Worten. Er stieß den Stuhl zurück, dann ging er, Schritt für Schritt um den Tisch herum. Noch konnten die anderen sich nicht erklären, weshalb er so tief, in einer großen und unverständlichen Müdigkeit, erschüttert war: sie beugten die Köpfe zueinander und flüsterten. Aber auch Herbert wußte noch nicht, was er antworten sollte. Inzwischen hatte er den Leiter erreicht. Jedes Flüstern verstummte. Beide" standen. Herbert überragte den andern und neigte den Kopf. Schon näherte er sich mit dem Munde seinem Ohr, schon war er bereit, das schamhafte Geständnis in dem Herzen des Leiters zu verbergen, dem er vertraute. Aber plötzlich brach es aus ihm hervor, er hob den gesenkten Blick und sah auf die Kameraden der letzten Monate: „Ich bin doch Jude!" sagte er laut und trotzig. Dann ging er, hochaufgerichtet, mit vor Erregung blinden Augen, am Tisch entlang. (Schluß folgt.) 512

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