Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 9 (März 1934)
- Article
- Legende von den Juden
- Date
- 1934-03-01
- Page
- 510 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Samter Herbert erwachte mitten in der Nacht. Er hörte das ruhige Atem der Kameraden, und auf einmal war ihm alles wieder gegenwärtig: die Gefahr und sein Zugreifen und dieses Fest, das sie ihm jetzt geben wollten. War er nicht am Ziel seiner Wünsche? War es nicht immer sein tiefstes Sehnen gewesen, ganz zu ihnen zu gehören, die ihre Seele an die Heimat gaben und sich mit ihrem Blut ein Land erwarben, in dem die Fahnen wieder leuchtend wehten? Dieses Land, das nun auch sein Blut trug: in warmen roten Tropfen war es von dem Boden aufgesogen worden, auf dem er seine schönsten Stunden verbracht hatte. Er sah das alles mit grausamer Klarheit: heute war er der Held, morgen der Jude. Er lächelte und dachte daran, wie fern er noch vor wenigen Monaten diesen Gedanken gewesen war. Unruhig warf er sich hin und her. Er mußte einen Ausweg finden. Sollte er fliehen? Er lächelte wieder: mußte er feige sein? Er fürchtete nicht, daß man ihn entdecken könne. Lohnte es freilich zu fliehen? Er schloß die Augen. Aber nun fielen Bilder und Gesichter nur toller und bunter über ihn her. Jeder Tag und jede Nacht rollte vor ihm ab, jedes Erlebnis und jede Zwiesprache, ein Wirber aus Worten und Gedanken und abenteuerlichem Geschehen, und je rascher und fiebriger es sich ihm vor den geschlossenen Lidern drehte, desto unklarer, drängender, beschämender erschien das Kommende. Und auf einmal geschah etwas Seltsames: er faltete die Hände zum .Gebet und aus allem Schmerz und aller Furcht vor dem grauenden Morgen formten sich seine Worte: „Lieber Gott, laß mich vergessen, daß ich ein Jude bin!" Aber schon während er sie sprach, erkannte er ihren letzten Sinn: er konnte es nicht vergessen, heute nicht und auch morgen nicht. Er wußte, daß er diesen Boden sich hundertfach mehr als jeder andere verdient hatte und daß ihm niemand diesen Boden streitig machen konnte: dies war seine Heimat. Das andere aber war das dunkle Erbe im Blut; es hinderte ihn nicht, die Heimat zu lieben, heller und heißer als die, welche nichts davon spürten. Keiner wußte darum, er selber hatte nicht davon gewußt. Aber nun war es gewachsen, gegen ihn selbst. Es war da und es ließ sich nicht vergessen. Er ballte die schmerzenden Hände zur Faust: so mußte denn die Entscheidung fallen. Als er kam, war es gleichgültig gewesen, daß er Jude war, jetzt fiel es schwer und dunkel ins Gewicht. Er hatte es verschweigen können, aber er erkannte die Sinnlosigkeit des Verschweigens. Es kam nicht darauf an, daß sie ihn jetzt vertreiben mußten; die Trennung nahm ihm nichts vom Besitz. Aber zwischen dem Boden und seiner Liebe stand das Neue, das ihn nur scheinbar von der Erde entfernte. In Wahrheit hielt es ihn inniger auf ihr fest. Denn um sie nun zu lieben, mußte er erst durch das Dunkle, noch nicht Begriffene hindurch. In diesem 510