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Der Morgen · 1934-03-01 · Heft 9 (März 1934) · p. 509

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 9 (März 1934)
Article
Legende von den Juden
Date
1934-03-01
Page
509 (sequence 5)
Language
German
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Max Samter: Legende von den Juden rauschend fiel der Baum und riß Blätter und Zweige mitleidlos in die Tiefe. Es war ein großartiges Schauspiel, und das Glück, zweimal das brausende Sterben der alten Bäume gut geleitet zu haben, mochte die Jungen leichtsinnig gemacht haben, daß sie die Pfähle beim dritten Male nicht fest genug in die Erde rammten, denn während noch die Säge das Holz zerfurchte, gab es plötzlich ein merkwürdiges Geräusch, das alle aufsehen ließ. Der stärkste der Pfähle löste sich langsam aus dem Boden, von der Wucht des Baumes gezogen, der im Winde schwankte. Atemloses Schweigen, jeder erkannte die Gefahr: noch war der Platz nicht geräumt, und wenn der Baum stürzte, konnte er gut einen der Jungen erschlagen, die dort schon .das Fallen eines vierten Baumes vorbereiteten und auf das Stürzen des einen warteten, um Zweige und Blätter zu entfernen. Aber noch stand der Baum. Da stürzte Herbert, der am nächsten stand, auf den losgerissenen Pfosten zu, packte ihn mit den Fäusten, stemmte sich mit den Füßen gegen den Boden und ließ sich selbst nach hinten überfallen, so daß er nun mit der ganzen Wucht seines Körpers nach der anderen Seite zog. Noch stand der Baum. Aber schon fühlte Herbert, wie die Gewalt des schwankenden Baums seine Kraft überstieg, wie das Seil, das er ergriffen hatte, in die geballten Fäuste schnitt, daß es ihm warm über die Finger lief, „Lauft doch!" brüllte er den anderen zu, immer noch hielt er das Seil, indes die Füße über den Boden stolperten, aber er gab nur langsam nach, Schritt für Schritt, das Blut tropfte auf die braune Erde, jetzt, endlich, ertönte der Pfiff, die Fäuste öffneten sich, brausend, alles zermalmend stürzte der Baum . . . Alle sammelten sich um Herbert, die Hände sahen böse aus, und einer lief fort, Verbandzeug zu holen. Die anderen sagten ihm gute Worte, immer mehr kamen hinzu, auch der Leiter des Lagers kam, zugleich mit dem Sanitäter, und sprach mit ihm. Aber er verstand kaum, was sie von ihm wollten, so sehr hatte ihn die Anspannung erschöpft. Erst nach einigen Minuten begriff er, wovon die Rede war. Die Wehrorganisation des neuen Staates, die Kampftruppe der nationalen Erhebung, hatte nach der Umwälzung die Aufnahme gesperrt, um den Zudrang der Neubekehrten zu verhindern. Um sich aber die Besten der Nation als Nachwuchs zu sichern, wurde den Leitern der Jugendorganisationen und der Arbeitslager anheimgestellt, die Besten zur Aufnahme — jenseits der Sperre — vorzuschlagen. Wer das hier aufgebracht hatte, war nicht festzustellen, auf einmal war es da, Meinung und Wille aller, vom Führer erfühlt und gern erfüllt: es wurde ein kleines Fest für den nächsten Tag angesetzt und von den Jungen, die sehr für dergleichen Dinge zu haben waren, jubelnd begrüßt. Das war das letzte, was Herbert hörte, bevor er in tiefster Ermattung ohnmächtig zusammensank. 509

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