Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1934-03-01 · Heft 9 (März 1934) · p. 508

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 9 (März 1934)
Article
Legende von den Juden
Date
1934-03-01
Page
508 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895515-2895525-2903667--06930-2903724
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Max Samter schon jedes Haus und jeden Baum kannte, die ersten Lichter leuchteten hell durch die Dämmerung, die ruhige Friedlichkeit beruhigte auch ihn, er schloß die Augen. Als er erwachte, sah er erschreckt auf: wie lange mochte er geschlafen haben? Es konnte nicht zu spät sein, noch blinkten die Lichter in den Fenstern. Er strich sich über die Stirn: er hatte schwer geträumt. Er war in einem Lande von schattenloser Reinheit gewesen, die Sonne lag auf seinen Aeckern und Hügeln und fremde Bäume wuchsen in seiner Erde. Wenig nur wuchs, und das Wenige mußte dem Boden in zäher und harter Arbeit abgetrotzt werden. Dafür war es von unerreichter Süße und Köstlichkeit. In dieses Land, das sich unendlich vor ihm dehnte, war er verschlagen, er hatte den Oberkörper frei wie auch sonst an heißen Tagen, und während alles um ihn her tätig und glücklich war, jeder an seinem Platz, war er verdammt, in diesem Land seinen Hügel zu suchen, mit dem schimmernden Blick über die Täler, mit dem Dunstschleier des Mittags und dem weißen Nebel des frühen Herbstes, mit der Klarheit der Nacht, mit Wiesen und Wäldern und Bäumen ... So lief er unablässig, von unbekannter Kraft gezwungen, die Pracht der verzehrenden Tage wechselte mit dem Glanz der Nächte, Städte, Dörfer, Siedlungen, lächelnde Menchen, er aber lief und lief, bis er erlahmte und mit vorgeworfenen Händen zu Boden stürzte ... So fand er sich, als er erwachte und aufblickte, ob es nicht schon über Mitternacht geworden sei und er sich gegen die Gesetze des Lagers vergangen und strenge Bestrafung zu gewärtigen habe. Mit langsamen Schritten ging er zum Lager herunter. In den nächsten Tagen wurde das Gefühl in Herbert immer stärker, daß die Unsicherheit des Wartens sich nicht mehr ertragen ließe. Und als ob der inneren Stimme die äußere Entscheidung verbunden sei, geschah etwas, was den natürlichen Ablauf der Dinge jäh unterbrach. Es war schon erwähnt, daß die Anhöhe des Lagers als Standplatz des Hauses gewählt worden war. Da sie aber dicht mit Bäumen besetzt war, mußte erst tüchtige Vorarbeit geleistet werden, einige der ältesten und umfangreichsten Riesen mußten fallen. Im Grunde tat es Herbert weh, daß gerade sein Platz dazu ausersehen war, das Haus der Gemeinschaft zu tragen, aber er ließ es sich nicht anmerken. Das Fällen der Bäume ging so vor sich, daß zunächst die Richtung bestimmt wurde, in der der Baum stürzen sollte. Auf der dem Sturz entgegengesetzten Seite wurden Pfähle in den Boden gerammt und an den Pfählen dicke Seile befestigt, die um den Stamm des Baumes gewunden wurden, um ihn am vorzeitigen Fallen zu hindern. Dann wurde der Stamm dicht über dem Boden angesägt, schließlich, wenn die Säge bis über die Mitte gedrungen war, auf ein Signal hin die Seile gelöst, und krachend, 508

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.