Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 9 (März 1934)
- Article
- Legende von den Juden
- Date
- 1934-03-01
- Page
- 506 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Samter Nacht langsam über die Wiesen und Wälder glitt» nur hin und wieder trug die Luft den Lärm des Lagers herauf, Lachen oder ein Lied, das sie sangen und das einer mit der Harmonika begleitete. Einmal hatte ihn einer gefunden, wie er da oben im üras lag, ohne sich zu rühren, und hatte sich stumm dazugesetzt. Aber nach einer Weile war er wieder heruntergegangen. Seitdem war Herbert immer allein, und seine Augen liefen den Wolken nach, bis das schimmernde üold dem glühenden Rot und das Rot dem durchsichtigen Grau und das Grau dem Schwarz gewichen war und der Himmel voller Sterne das Schwarze von sich stieß. Er las jetzt nicht viel, aber er dachte oft nach. Auf seinen Wanderungen war manches selbstverständlich gewesen, was jetzt schwer wurde und ein anderes Gewicht bekam. Nicht daß er Schwierigkeiten gehabt hätte, er kam gut aus mit den andern, obgleich er — aus begreiflichen Gründen — nicht viel mit ihnen sprach, er ging mit ihnen im gleichen Schritt, aber mit jedem Tag wuchs etwas in ihm, was ihm vorher fremd gewesen und nichtig erschienen war. Unterwegs, da war man der Sonne, dem Mond und den Sternen ausgeliefert gewesen, und jeder von denen, die man traf, wurde mit gleichem Mal) gemessen: das war nicht aufgeschrieben, das stand im Gesicht und im Druck der Hand und sagte, wie tief die Sonne hineingeleuchtet und die liebe, grausame Nacht ihn zerfressen hatte und ob der Wind die Trägheit aus Kleidern. Fleisch und Biut verjagen konnte. Auch hier galt nur ein Kerl. Aber innerhalb der vier warmen Wände kam noch ein anderes hinzu, eine Ordnung, die nicht anders war als die Ordnung im Großen, die man anerkennen mußte, um zu bestehen. Und diese Ordnung, da gab es nichts zu drehen und zu deuteln, trennte ihn von den andern. Noch wußte es keiner außer Herben selbst. Aber er selber wußte nicht, wie lange er dies Bewußtsein zu tragen vermöchte, das er durch die hellen Tage mit hinaufnahm in die Einsamkeit der letzten Stunde. Da lag er und grübelte: es war nichts geschehen. Er war hierher gekommen, heiter und ohne Beschwerde, und sie hatten ihn genommen, wie er war, er hatte harte Fäuste und packte mit an, und das galt ihnen mehr als die Stunde, die er für sich behielt. Gewiß, sie sprachen auch von Dingen, die ihn schmerzten. Die Juden waren nicht wichtig. Was kam es darauf an, ob ein paar auswandern mußten, ein paar von vorn beginnen: man wußte sowieso nicht recht, woran man mit ihnen war. Und es war offensichtlich, daß sie sich nicht gut benommen hatten: waren doch ihre eigenen Zeitungen voll davon! Aber während Herbert in den ersten Wochen dabeigestanden hatte und dachte: vielleicht habt Ihr Recht, vielleicht ist das wirklich alles nicht wichtig gegenüber dem Kampf um die Arbeitslosen, um Licht und Luft für sechzig Millionen, vielleicht 506