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Der Morgen · 1934-03-01 · Heft 9 (März 1934) · p. 494

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 9 (März 1934)
Article
Disraeli - Lassalle
Date
1934-03-01
Page
494 (sequence 2)
Language
German
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I^eo Hirsch Fleck verliere, sondern damit man überhaupt jüdische Eigenschaften und Tragik klarer sehe, erkenne und also begreifen lerne. Wollen wir Lassaile als Typus begreifen, so finden wir seine wesentlichen Eigenschaften bei anderen Juden von ähnlicher Bedeutung wieder. Disraeli, auch Brandes waren in ihren Anfängen nicht minder vordringlich, ehrgeizig, maßlos fleißig, eitel, gewandt und penetrant. Disraeli und Lassalle haben zuviel politischen Nerv, um nicht noch im Kleinsten Politiker zu bleiben, und zugleich zuviel Charme und künstlerische Leidenschaft, um nur Politiker zu sein; Lassalle schrieb ein Drama, Disraeli Romane, und obwohl beide zutiefst Schauspieler, Rhetoren, Darsteller einer bewußt vorgefaßten Rolle sind, ist beider Ehrlichkeit und Bewußtheit noch in der künstlerischen Maske ohne Kompromiß. Anfang der vierziger Jahre äußern Disraeli in„Coningsby", Lassalle in seinem Tagebuch zionistische Motive. Die Parallelität unzähliger Äußerungen beider über allgemeine Fragen wäre ohne weiteres nachzuweisen. Die Wesensähnlichkeit dieser beiden Aristokraten zeigt sich am besten, wenn ihr Machthunger gefesselt ist und sie müßig gehen: sie übertreiben das Dandytum. Mary Ann und die Gräfin Hatzfeldt haben als Persönlichkeit gleich viel gemeinsam wie ihre Rollen im Leben der Männer. Und das Wesentliche: Lassalle in England, darf man glauben, wäre Tory, Disraeli im Preußen Bismarcks, als Linksradikaler, der Feind der Fortschrittlichen gewesen; sie waren brennende Individualisten, und ihre Wirksamkeit stand ihnen noch höher als die Sache, die sie vertraten. (Bismarck über Lassaile: „ein Mann ... ehrgeizig im großen Stil"; Bismarck über Disraeli: „Der alte Jude, das ist der Mann"; Lassalle über Bismarck: „er ist ein M a nn".) Vielleicht genügen diese Andeutungen, um begreiflich zu machen, daß Lassalle und Disraeli aus demselben Holz geschnitzt sind. Warum aber, wenn die Voraussetzungen ähnlich waren, entschied ihr Schicksal sich verschieden? Auch der Unterschied kennzeichnet das jüdische Problem. Disraeli ist zwanzig Jahre älter als Lassalle, aber die englischen bürgerlichen Verhältnisse sind um hundert Jahre entwickelter als die schlesischen zu Lassalles Zeit. Lassalles Verhältnis zur Schwester und zu den Eltern ist nicht anders, höchstens hitziger, naseweiser und weniger artig als die Liebe Disraelis zur Schwester und zu den Eltern. Aber Lassalles Vater erst ist zum Bürgertum heraufgekommen und in die Stadt gezogen, bei Disraeli war schon der Großvater eingewandert und wohlhabend geworden, der Vater bereits mit der Kultur und den Sitten Londons verwachsen; Lassalle mußte noch gegen die Herkunft sich aufbäumen, Disraeli konnte bereits ihre Vorteile benutzen. Beide wurden als Juden mißachtet und beide waren nicht ohne Stolz auf ihr 494

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