Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 8 (Februar 1934)
- Article
- Mein Berufswunsch und die Wirklichkeit
- Date
- 1934-02-01
- Page
- 468 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Schulaufsätze Beruf besonderes Interesse, und alle Leute rieten meiner Mutter, mich ausbilden zu lassen. Leider waren meine Eltern dazu nicht in der I^age. Doch es geschah eines Tages ein Wunder, denn ich wurde für ein öffentliches Theater engagiert. Daseibat spielte ich mit großem Erfolg eine Hauptrolle. Ich spielte jetzt öfter im Theater, Film und im Rundfunk. Mein Interesse steigerte sich immer mehr, und es fällt mir nun sehr schwer, von diesem Beruf Abstand zu nehmen. Aber wie das Sprichwort schon sagt: ..Handwerk hat einen goldenen Boden." So werde auch ich mich umstellen müssen und ein Handvicrk lernen. Es ist mir nicht sehr angenehm, aber ich halte es für nötig. Die Judenfrage macht es einem aber schwierig, in Deutschland einen Beruf zu ergreifen. Darum möchte ich nach Palästina fahren, denn ich glaube, daß dort für uns, also für die Jugend, eine Zukunft ist. Ich halle mich für Bäcker und Konditor sehr geeignet. Auch habe ich Hoffnung, eine Lehrstelle zu bekommen, denn mein Onkel ist Bäcker. Wenn ich auch ein Handwerk erlerne, so werde ich trotzdem versuchen, mich als Schauspieler weiter ausbilden zu lassen, da es mir auch in Palästina nicht schaden kann. Es ist aus der Herkunft der Kinder verständlich, daß schon ursprünglich fast die Hälfte von ihnen .einen handwerklichen Beruf ergreifen wollte: Autoschlosser, Tischler, Schneider, Schornsteinfeger. Sie alle sind natürlich bei dem Wunsch, Handwerker zu werden, geblieben und wollen nur den Berufszweig wechseln, meist unter dem Einfluß des Berufsberaters: Ich sitze im Arbeitsnachweis und fülle den Fragebogen aus. Eine Frage lautet: Welchen Beruf möchtest Du ergreifen? Ich denke nach. Aha, Tischler, ja das will ich werden. — Der Fragebogen ist ausgefüllt. Jetzt werde ich von einem Herrn in ein Zimmer gerufen. ,Jch lese hier, daß Du Tischler werden willst", sagt er. ..warum gerade Tischler"? Darauf antworte ich: „In der Schule habe ich Werkunterricht, das macht mir Spaß. Ich hoffe, wenn ich diesen Beruf ergreife, daß ich damit durch's Leben komme." „Aha. so, na schön, also auf Wiedersehn." — Ja, Tischler will ich werden, aber seit wann? Wollte ich nicht früher Schneider werden? Ja, Lust hätte ich noch dazu, aber ich fahre doch über kurz oder lang nach Palästina, dort sollen schon genug Schneider sein. Also werde ich doch lieber Tischler. Halt, mir ist schon oft gesagt worden, daß man selten eine Tischlerlehrlingsstelle bekommt. Jetzt komme ich aus der Schule, meine Eltern können mich nicht mehr ernähren, was jetzt? Als Schneider bekomme ich sofort eine Stelle. Doppelt ungewiß wird die Wahl ohne Hilfe des Elternhauses: Ich wollte Autoschlosser werden, war. aber immer nicht sicher, ob ich mit diesem Beruf die richtige Wahl treffen würde, da fast jeder zweite Junge, den ich kenne, diesen Beruf ergreifen will. Auf dem Berufsberatungsamt wurde ich gefragt, weshalb ich gerade diesen Beruf ergreifen will, ich habe aber keinen richtigen Grund, außer, daß ich später Chauffeur werden wollte. Diesen Beruf wollte ich aber nur werden, wenn ich als Autoschlosser nicht weiterkomme. Der Berufsberater empfahl mir mehrere Berufe, welche ich mit der Begründung ablehnte, daß sie mir langweilig und unschön vorkommen, denn an 468