Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 8 (Februar 1934)
- Article
- Mein Berufswunsch und die Wirklichkeit
- Date
- 1934-02-01
- Page
- 467 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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,Jllein Berufswunsch und die Wirklichkeit" Berlin überzusiedeln, und ich gab meinen Wunsch auf. Damals, in den besseren Zeiten, dachte ich nie daran. Doch jetzt gibt es für mich fast keinen anderen Ausweg. So habe ich mich entschlossen, Buchhalter oder Beamter zu werden. Ich wähle diese Berufe, weil ich Interesse daran habe und nach meinen gelernten Fächern dafür geeignet bin. Oft denke ich jetzt noch an meinen alten Beruf. Einen Träumer, der sich von seinem inneren Ziel doch nicht abbringen läßt, locken sechs Berufe gleichzeitig: Ideal, Träumerei, Illusionen hat man ja so oft und dann erschrickt man plötzlich — das ist ja alles Lüge, das ist Weltfrcmdheit. 0, Himmel und Träume. Pfui, du rauhe Wirklichkeit. In der Schule schrieb ich die besten Aufsätze — schon wollte ich Schriftsteller werden. Ich kam in einen Bund, wurde anders erzogen — schon wollte ich Erzieher werden. Ich halte einen großen Bücherkatalog — schon wollte ich Bibliothekar werden. Es ist komisch, daß irli immer geistige Berufe envähle.n wollte. Vielleicht lag das am Bewußtsein meiner Schwäche und Ungeschicklichkeit und Ungeduld. Ich weiß es nicht. — Durch Beeinflussung meines Vaters entschloß ich mich, mich im graphischen Gewerbe zu beschäftigen. Da ist sclion wieder ein Ideal: Schriftsteller, Verleger, Buchdrucker, KritUcer, Buchbinder und Buchhändler zugleich zu sein. Auf jeden Fall will ich darauf hinarbeiten. Mein Vater versprach, mir eine Stelle als Bibliothekar zu besorgen. Außerdem will ich bei meinem Vater das Buchbinderhandwerk erlernen, also pralclisch und theoretisch arbeiten. Der technisch Begabte findet im Optikerberuf eine befriedigende Kompromißlösung: Als ich noch auf der hohen Schule war, wollte ich Ingenieur werden. Inzwischen kam ich jedoch wieder auf die Volksschule, und der schöne Traum vom Ingenieur zerplatzte wie eine Seifenblase. Jetzt mußte ich mich aber ernsthaft nach einem Beruf umsehen. Ich dachte zuerst an Kaufmann. Ein Bekannter meiner Mutter hatte mir davon viel Interessantes erzählt, wie. dort alles von Handel und Industrie zusammenläuft, wie man dort auch den Ton und den Verkehr der großen Handelshäuser beobachten kann und wie man auch dabei vielleicht ein bißchen in der Welt herumkommt. Als ich mir jedoch vorstellte, den ganzen Tag hinler den Büchern hocken zu müssen und zu rechnen, da wandle ich mich doch einem anderen Beruf zu. Da fiel mir ein, daß Optiker doch ein ganz interessanter Beruf sei. Die Gläser und Linsen zu schleifen, in das Geheimnis von Photoapparaten und Mikroskopen zu dringen, muß doch Spaß machen. Wenn ich meine Brille öfters zum Optiker bringen mußte, so sah ich auch manchmal in die Werkstatt und wurde dadurch nur noch neugieriger. Jetzt habe ich mir fest vorgenommen, Optiker zu werden. Hoffentlich bekomme ich als Oplikerlehrling eine Stelle, denn bis jetzt habe ich wenig Aussichten. Gewaltsamer ist das Kompromiß des Jungen, der auch als Bäcker auf die (für seine innere Entwicklung vielleicht zu früh erreichten) Schauspielerehren nicht verzichten will: Mein größter Wunsch war und ist auch jetzt noch, Schauspieler zu werden. Schon als kleiner Junge zeigte ich für diesen 467