Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 8 (Februar 1934)
- Article
- Legende von den Juden
- Date
- 1934-02-01
- Page
- 463 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Legende von den Juden für einen Ausflug freigegeben worden. Gegen sieben kamen alle zurück, ein singender Zug grauer Männer, der sich an der Baracke auflöste. Alle wuschen sich rasch und fanden sich kurze Zeit darauf zum Abendbrot zusammen. Bevor das Essen ausgeteilt wurde, führte der Leiter Herbert mit kurzen Worten ein, er selbst ging herum und gab jedem die Hand, alles geschah mit zwangloser Selbstverständlichkeit, er war da, er gehörte dazu, er setzte sich an den ihm bestimmten Platz — die Neulinge wurden immer zwischen besonders erfahrene Arbeitsdienstler gesetzt — und sprach mit ihnen: erst jetzt fiel ihm auf, wie sehr sein Dialekt sich aus der warmen, südlicheren Sprache hervorhob. Aber das machte weiter nichts, im Gegenteil, es gab neue Möglichkeiten, aus der Verschiedenheit der Länder das Gemeinsame herauszuholen, meinte der Leiter. Es zeigte sich wirklich, daß ihm nichts Feindliches entgegengetragen wurde, er lächelte im stillen: wenn man ehrlich war, mußte man zugeben, wie anders dies alles noch vor Jahren gewesen war. Die Unterhaltungen beim Abendessen blieben noch an der Oberfläche, Herbert war müde und legte sich schon während der bis neun Uhr gewährten Freizeit auf sein Lager. Er schlief sofort ein und hörte nichts mehr, als die anderen kamen. Ellies, was bisher geschehen war, die Flucht aus dem Elternhaus, die Tage und die Nächte, der Frühling und der Sommer, schließlich der Eintritt in das Arbeitslager, hatte sich so natürlich ineinander gefügt, daß nur an Äußerlichkeiten zu erkennen war, daß alle diese Dinge keineswegs natürlich, sondern in hohem Maße absonderlich waren. Denn in den Städten ging die Entwicklung genau so weiter, wie sie begonnen hatte. Auch der jüngere Bruder Herberts hatte seine Studien aufgeben müssen und war nun jenem Millionenheer der Arbeitslosen eingegliedert, die zerquält und ohne Hoffnung in ihren Wohnungen saßen oder sinnlos über das Pflaster liefen, weil sie es in der Enge der Zimmer nicht mehr aushielten. Er hatte keine Beziehungen, und das erzwungene Nichtstun traf ihn um so schwerer, als eine Welle des Vertrauens, ein Wille gemeinsamen Aufbaus das Volk einte, von dem er ausgeschlossen war. Das war aber noch nicht das Gefährlichste. Schlimmer waren die Lockungen, die von vielen Seiten kamen. Die zionistischen Organisationen hatten einen ungeheuren Zulauf. „Da seht Ihr's", riefen sie, „was es mit Euch macht, Euer Vaterland, wenn Ihr's heute noch so nennen könnt!" Es war so eine klare Sache, dies Palästina, trotz seiner vielen Araber und Engländer, man sah alles ein, man beneidete jeden, der reinen Herzens dorthin ging, und wenn man allein war, verschwammen die klaren Rechnungen zu nebelhafter Ferne. Schatten 463