Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 8 (Februar 1934)
- Article
- Legende von den Juden
- Date
- 1934-02-01
- Page
- 461 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895515-2895524-2903570--06854-2903625- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Legende von den Juden und es fehlte nicht viel, daß er den andern mit Füßen getreten hätte. Die Tage waren voller Licht und voller Blumen. Keiner glich dem anderen. Kaum war der Flieder verblüht, blühten die Rosen. Vieles geschah. Begegnungen. Vögel am Himmel. Abende voller Trauer. Einmal bekam er eine Woche lang Arbeit bei einem Bauern. Dann schrieb er an die Eltern. Langsam ließ er sich nach Süddeutschland treiben. Das Korn wuchs auf den Feldern. Ein Schleppkahn zog ihn rheinaufwärts. Da sah er zum ersten Mal wieder wehende Fahnen und Jugend, die streitbare Lieder sang. Die Gesichter der Kinder waren fröhlich und voller Glauben. Er sah still und ohne Bewegung in das langsam gleitende Wasser. Die Wellen des weißen Dampfers, der ihnen begegnet war, schlugen ans Ufer, die schräge Sonne vergoldete ihre Schaumköpfe. Herbert rührte sich nicht. Er dachte müde an viele Dinge. An die Eltern, an die Unruhe der Welt. Aber er hielt die Gedanken nicht. Sie kamen, gingen, versanken in der tiefen Traurigkeit des verdämmernden Abends. Das Singen der Kinder, ihr heiteres und gefälliges Selbstvertrauen, der Stolz auf die Fahnen selbst hatten guten Grund. Denn auch die Jugend war inzwischen von der Neuordnung aller Dinge erfaßt und mitgerissen worden. Die Planlosigkeit, mit der sie sich in zahllose Gruppen und Bünde zerstreute, hatte aufgehört, der Staat selbst hatte die Führung der Jugend übernommen. Die Schwere der Zeit ließ es nicht zu, Einzelgänger zu dulden. Es gab Ziele, für die jeder Mann gebraucht wurde: dafür mußte die Jugend geworben und gewonnen werden. Sie hörte den Ruf und folgte ihm begeistert. Nur wenige blieben abseits. Auch für sie aber schuf man Organisationen, denen sie sich nicht entziehen konnten. Der Weg zu jedem Beruf führte über die Arbeit an der Heimat. Man schätzte die Vagabunden nicht, die von Ort zu Ort zogen und die Geldbeutel der Mitleidigen in Anspruch nahmen, jeder Groschen, der losgemacht werden konnte, gehörte dem Volk. Und das Volk würde sorgen, daß keiner hungern und betteln müsse. So kam es, da die Notwendigkeit harten Durchgreifens von allen eingesehen wurde, daß Herbert in einem kleinen badischen Dorf kurzerhand der Polizeibehörde eingeliefert wurde. Es war schon spät am Abend, der Landjäger selbst darauf bedacht, zu Frau und Kind zu kommen; so wurde er am Abend selbst nicht mehr vernommen, sondern in ein ziemlich enges Zimmer gesperrt, in dem allerdings ein Feldbett stand, das guten Schlaf versprach. Der Beamte tat ein übriges; er fragte Herbert, ob er Hunger habe. „Nein, gar nicht", erwiderte der, sei es aus Trotz, sei es, weil er wirklich schon etwas zum Nachtmahl bekommen 461