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Der Morgen · 1934-02-01 · Heft 8 (Februar 1934) · p. 460

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 8 (Februar 1934)
Article
Legende von den Juden
Date
1934-02-01
Page
460 (sequence 5)
Language
German
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Max Samter den Mut, ihn zu öffnen, denn sie kannte den Inhalt, ohne die Worte zu wissen. Der Vater riß ihn auf und las ihn ohne jede Betonung, wie eine Notiz aus der Zeitung vor: „Liebe Eltern, wenn Ihr diesen Brief findet, bin ich fort. Ich halte es nicht mehr aus, herumzusitzen und auf das Essen zu warten. Ich will versuchen, Arbeit zu bekommen; wohin ich gehe, weiß ich noch nicht. In Deutschland bleibe ich. Für die ersten paar Wochen reicht das Geld aus der Sparbüchse. Ihr braucht Euch keine Sorgen um mich zu machen, ich schaffe es bestimmt. Nehmt nicht alles so schwer, was jetzt geschieht. Es ist den Juden schon schlechter gegangen. Jetzt können sie zeigen, was an ihnen dran ist oder ob alles nur Gerede war. Im ersten Monat schreibe ich nicht. Ich wollte Euch keinen Schmerz antun. Ich gehe, weil ich muß. In treuer Liebe Herbert." Die Hand fiel herunter, der Brief lag auf dem Tisch. Die Mutter nahm ihn und konnte die Tränen nicht halten. Der Bruder fühlte, wie das Schweigen ihn überwältigte. Er dachte an den Älteren und sah zum Fenster. Der Himmel stand hell und lockend über dem Land. Sein Blick kehrte zu den Eltern zurück, Wehmut fiel ihn an, weich und zwingend. In jäher Anstrengung hob er den Kopf und sagte laut: „Ich glaube, er hat recht/' * fn diesem Sommer machte Herbert merkwürdige Erfahrungen. Die Zeit bekam ein anderes Gesicht. Die Gewitter waren keine Ereignisse, vor denen man rasch die Fenster schloß. Es kam vor, daß man zwischen zwei Dörfern war, ohne Dach und Schutz. Dann wurde der Himmel dunkel, Aufruhr lag in der Luft. Es brach los, kaum daß man sich zu Boden werfen konnte, um das Wenige zu schützen, was man auf dem Leibe trug. Aber es war schön, der Erde zu gehören, unter Blitz und Donner. Später trocknete man bald. Das Leben kostete nicht viel. Wurst und Brot und Wasser genügten für Tage. Nur das Schlafen war teuer. Heuschober und warme Stalle gab es nicht überall. Es kamen Städte, an denen man vorüber mußte. Man konnte in Betten schlafen, in denen schon andere gelegen hatten, manchmal standen Feldbetten übereinander und die Stube war voller Menschen. Das störte nicht, denn keiner machte viele Worte. In Merseburg, in einem dunklen Zimmer, in das der Mond schien, schlief er mit einem, der den Mund nicht halten konnte. Herbert hörte kaum zu, aber die Wut stieg in ihm hoch, 460

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