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Der Morgen · 1934-02-01 · Heft 8 (Februar 1934) · p. 459

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 8 (Februar 1934)
Article
Legende von den Juden
Date
1934-02-01
Page
459 (sequence 4)
Language
German
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Legende von den Juden mute gewesen, als säßen sie im dunklen Parkett eines Theaters, auf dessen heiter Bühne ein Spiel mit harter Hand vorgeführt wurde, dessen Sinn und Ablauf ihnen unverständlich blieb. Wohl sahen sie, wie diese harte Hand bisweilen unter sie, die Zuschauer, griff und den einen und anderen in das grelle Licht hinstellte, aber noch vermochten sie nicht zu fassen, wo die Grenze zwischen Licht und Dunkel lag. Das kam hauptsächlich daher, daß die Not ihnen bisher ferngeblieben war: der Vater hatte am Kriege teilgenommen, so daß ihm die materiellen Beschränkungen, denen viele seiner jüngeren Kollegen unterworfen wurden, erspart blieben. Und obgleich der Druck der Tage wie ein Schatten, der die Sonne und die Helligkeit des Himmels verdunkelt, ständig über ihnen lag, war ihnen persönliche Kränkung und kleinliche Rachsucht ferngeblieben, ja, die Liebe der Freunde versuchte, ihnen manches, was unabwendbar war und als Schicksal und Schuld getragen werden mußte, dennoch leichter und erträglicher zu machen. So war es jetzt das erstemal, daß sie nah und bindend von dem Geschehen draußen betroffen wurden, als diese Nachricht kühl und unvermittelt zu ihnen kam, bevor sie gefaßt waren, sie zu empfangen. Und obgleich ihnen nun, da sie von Hand zu Hand gegeben wurde, klar wurde, daß sie mit Selbstverständlichkeit zu erwarten war, erwies sich, daß keiner in Wahrheit daran geglaubt hatte, man würde sie eines Tages auf dem Tische finden. Denn nur so war die Gewalt der Verzweiflung zu erklären, die über die Mutter und den Vater hereinbrach. Das Leben schien in seinen Grundfesten erschüttert zu sein, schien sich niemals vollenden zu können. Die Schmach des Tages, meinte der Vater, verjagte die Ehre der Jahre. Dies sei ein Schlag, den niemand verwinden könne. Er stand auf und verließ das Zimmer. Noch füllten die Worte den Raum, keiner sah auf den andern. Brot und Butter blieben unberührt. Zu der ersten Erschütterung Herberts kam die zweite, stärkere. Diese Menschen, auf denen sein Leben ruhte, waren schwächer als er. Auch er erhob sich, der Boden wankte und Nebel lag über dem Weg. Noch waren die Augen trübe. Er ging zu Bett und fiel in schweren traumlosen Schlaf. In den nächsten Tagen änderte sich nichts. Die Traurigkeit der gemeinsamen Mahlzeiten ließ nicht nach, mitten im Gespräch brach plötzlich die Stille so gewaltig über die vier Menschen, daß sie einander nicht anzusehen wagten, um nicht weinen zu müssen. Einmal blieb Herbert dem Essen fern, weil er dies alles nicht mehr ertrug. Aber der Zorn des Vaters war so grundlos furchtbar,- daß die Mutter bat, er solle sich Zwang antun. So blieb alles, wie es war. Erst im Juni geschah es, daß er eines Morgens wieder fehlte. Die Mutter lief in seine Kammer und fand auf dem unberührten Bett einen Brief. Sie hatte nicht 459

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