Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 8 (Februar 1934)
- Article
- Legende von den Juden
- Date
- 1934-02-01
- Page
- 458 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Samler zum Schneeschuhlaufen fortgefahren wäre wie sonst), die Augen lagen dunkel und ziemlich tief in den Höhlen. Besonders merkwürdig war dies Gesicht durch die Haare, die blond und langgekämmt mit einem kühnen Schwung über die hohe Stirn herabfielen: diese helle Farbe der Haare hatte mehr als einmal Gelegenheit zu langen, halb ernst gemeinten, halb scherzhaften Unterhaltungen und Nachforschungen gegeben, ob es sich — bei dem seltenen Vorkommen blonder Haare unter den Juden dieses Landes — um eine vielleicht nachweisbare Mischung der Rassen handele. Aber so weit man auch zurücksehen konnte, fand sich nichts, was eine derartige Vermutung rechtfertigte. So tröstete man sich, ohne sich gründlicheren Forschungen hinzugeben, mit der hübschen Vorstellung, daß, wie Menschen, die an der See waren, mit helleren Augen und helleren Haaren in die Ebene zurückkehren, gerade Sonne und Himmel dieses Landes die Haare des jungen Menschen gebleicht hätten. Es sei an dieser Stelle erwähnt — obgleich es für den weiteren Gang der Ereignisse nicht weiter bedeutsam zu sein scheint —, daß seine Vorfahren lange genug im Lande weilten, um diese Behauptung nicht ganz sinnlos erscheinen zu lassen: der dreißigjährige Krieg bildete die Grenze, hinter der ihr Leben in undurchdringlichem Dunkel lag. In der Zwischenzeit fanden sich Bauern, Händler, Goldgräber, im letzten Jahrhundert vollzog sich die Wendung zu den akademischen Berufen. Der Großvater war Rechtsanwalt, der Vater Arzt, beide hatten einen Ruf, der die Grenzen der Stadt überschritt, in der sie lebten. Der Arzt hatte zwei Söhne, von denen der eine Arzt, der andere Lehrer zu werden gedachte. Der Mediziner war zweiundzwanzig, der Philologe neunzehn Jahre alt, als in den ersten Monaten des Jahres mit der allgemeinen Umwälzung auch das eigene Dasein auf das ernsteste erschüttert wurde. In der zweiten Maiwoche brachte die Post eine briefliche Mitteilung, daß die Fortsetzung des Hochschulstudiums des Studenten der Medizin Herbert Lerman auf Grund eines bestimmten, genau angeführten Gesetzes zu unterbleiben habe. Da sonst eine Handhabe nicht vorlag, konnte es sich nur um jenes leichtsinnige im Februar geführte Gespräch handeln, es war das einzige, an das der Student sich erinnern konnte. Er hatte ihm damals keine Bedeutung beigemessen, um so mehr, als es sich von jeder aktuellen Anspielung freihielt und sich um Piatos Gedanken von der Herrschaft der Besten bewegte; vielleicht war dies oder jenes falsch verstanden, im raschen Gespräch anders ausgelegt worden als es gemeint war; wie dem auch sei, vermochte der junge Mensch keinen anderen Grund für seine Beurlaubung zu finden, eine Hilflosigkeit, die ihn doppelt traurig machte. Betreten saß die Familie um den Abendbrottisch. Bisher war den Eltern zu- 458