Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1934-02-01 · Heft 8 (Februar 1934) · p. 457

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 8 (Februar 1934)
Article
Legende von den Juden
Date
1934-02-01
Page
457 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2895450-2895515-2895524-2903570--06850-2903621
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Max Samtcr: Legende von den Juden Gott zürnte den Juden. Gott hatte die Stille über das Land gelegt, aber die Städte waren laut Und die Juden wohnten in den Städten. Gott ließ die Erde atmen, und in den Städten wurde die Erde mit Teer und Stein erstickt. Aber die Juden wohnten in den Städten und rührten sich nicht. Viele waren zwar von einer dunklen tiefen Traurigkeit erfüllt. Aber sie ahnten die Ursache nicht. Sie hatten vergessen, daß eine Zeit war, in der sie mit harten Schritten über die Äcker gingen und ihre Herzen dicht bei der Erde waren, die den Samen barg. Sie hatten vergessen, daß einmal sechstausend aus den fernsten Flecken des Landes aufgestanden und gegen den König von Ägypten gezogen waren. Sie sprachen wohl von diesem Kampf und von diesem Sieg, aber es war, als ob sie von einem Märchen sprachen. Manche freilich waren stark und verstanden das Kämpfen und Sterben. Gott sah, wie ihre Kraft in den Städten verdarb, wie ihre Augen dunkel wurden, die Muskeln träge. Gott sah, daß die Kinder schwach und furchtsam ihrer Wege gingen, und Gott wußte, daß keins von diesen Kindern Spitzhacke und Spaten ergriffen hätte, um den Asphalt zu zerhacken und Sonne über die braune Erde zu gießen. Da nahm Gott die Hand von den Juden. Er wandte sich von ihnen ab und hörte ihren Ruf nicht mehr, den alten Ruf, mit dem sie ihr Elend vor ihn trugen. Er verschloß den Juden sein Ohr: er sah zwar, daß die Gotteshäuser voller Menschen waren, aber die Gebete verhallten im Raum, in dem sie gesprochen wurden. Er verstand sie, wie er alles verstand. Er wollte ihnen nicht zürnen, sie waren seine Kinder, seine Geschöpfe. Aber er ließ sie dem Sturm, dem Schmerz, der Verzweiflung. Und erwartete auf die Stimme, welche die Stille des Wartens zu durchbrechen vermochte, die er um sich gelegt hatte. * Zvl denen, die mehr zufällig als gemäß der neuen Ordnung aus der begonnenen Bahn getrieben wurden, gehörte ein junger Mediziner, ein Student, der in den letzten Februartagen, eben vor Schluß des Semesters, mit einem Arbeitskollegen eine Unterhaltung geführt hatte, in deren Verlauf er zur Begründung einer bestimmten Meinung hatte durchblicken lassen, daß er jüdischer Abstammung sei. Diese Betonung war nötig, einmal weil es in einer so erregten Zeit wie nach der eben vollzogenen Revolution doppelt wichtig schien, offen voreinander dazustehen, dann aber auch aus dem rein äußerlichen Grunde, daß keiner diesem jungen Menschen das Jude-sein von selber angesehen hätte. Er war groß und starkknochig, die Haut des Gesichts war von einer leichten braunen Tönung, als hätte die Sonne darauf gebrannt (ohne daß er in diesem Jahr im Winter 457

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.