Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 8 (Februar 1934)
- Article
- Legende von den Juden
- Date
- 1934-02-01
- Page
- 456 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895515-2895524-2903570--06849-2903620- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Max Samter: Legende von den Juden War ich nidit glücklich? War ich nidit fein stille? Hatte ich nicht gute Ruhe? Und es kommt solche Unruhe! (Hiob 3.26) Der Abend jenes Tages, der den Juden des Landes zum erstenmal die unumstößliche Gewißheit gebracht hatte, daß die Führung des Reichs sie als Fremdlinge ansähe, deren politische Stellung im Staat besonderer Regelung bedürfe, senkte sich in leuchtender Klarheit zur Nacht, aus dem verdämmernden Licht hoben sich die Sterne. Die Juden waren über den Tag zum größten Teil in ihren Wohnungen geblieben, jetzt traten sie auf die Straße und staunten müde über die Schönheit der letzten bewegten Stunde: noch vermochten sie es nicht zu fassen, daß kein Gewitter, kein Regen die bezwingende Heiterkeit des eben beginnenden Frühlings trübte, der ihnen soviel Leid und soviel schwebende Unruhe gebracht hatte. Indes wurden die Geschäfte geschlossen, fröhlicher Lärm füllte für kurze Zeit die ganze Stadt, unter dem bunten Wald der Fahnen, die aus den Fenstern hingen, trieb der Strom der Hoffenden, der die jungen lachenden Mädchen ebenso auffing wie die Mütterchen mit ihrer Vorfreude auf einen Sommer, von dem sie nicht wußten, ob es nicht doch schon der letzte sei. Auch den Juden, die nur mit Überwindung die Treppen hinuntergestiegen waren, gab er leichtere Füße; sie eilten zu Freunden und Bekannten, um die Ereignisse des Tages zu besprechen. In den reichen Vierteln im Westen der Stadt trafen sie sich in den Wohnungen, setzten sich hinter den verschlossenen Gardinen um die Tische und füllten die Stunden mit ihren Gesprächen, die aus Hast und Angst der Stunde das Kommende zu deuten suchten. Noch freilich war jeder nur dem eigenen Schicksal verbunden. Kaum einer von denen, die in den großen Zimmern der geräumigen Wohnung über die Zukunft und ihre Bewältigung sprachen, dachte an die anderen, die in den vielen kleinen Betsälen des Nordens, in einem „Scheunenviertel" genannten, verwahrlosten Stadtteil beieinander hockten und unter den brennenden Kerzen die Thora lasen. Die Lampen in den Zimmern verlöschten, die Kerzen der Armen wurden ausgeblasen. Schlaf fiel über die Welt. Wo aber war Gott? 456