Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 8 (Februar 1934)
- Article
- Kämpfe Mosis
- Date
- 1934-02-01
- Page
- 453 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Kämpfe Monis heimnisvollen Hände Gottes hüllen ihn in Dunkel, bis die Majestät, deren Abglanz er zu sehen bekommt, an dem Felsriß vorbeigezogen ist. Das Antlitz Gottes ist nicht zu sehen, denn der Mensch könnte nicht am Leben bleiben, sähe er Gott. Darin liegt alles Erzittern des Mythos beschlossen. Wodurch kann dieses Mythische uns wichtig sein? Weil das mythische Fühlen und Fürchten, wie es an dieser Stelle sichtbar wird, eine Grundsituation des Menschen enthüllt, wie sie sich vom Mythos bis zur rationalen Kultur ständig darstellt. Im Gleichnis der Felsspalte wird dem Menschen als wesennotwendig für seine Existenz eine Sphäre des Unzugänglichen, Transzendenten gegenüber gestellt; daher muß sein Wissen Stückwerk, muß es begrenzt sein. Freilich, was die Vernunft in „zugänglich'* und „transzendent" scheidet, scheidet der Mythos in „ungefährlich" und „gefährlich". Doch hält das mythische Gleichnis ein Grundverhältnis menschlicher Existenz gültig fest. So ist es nicht zufällig und nicht unbedeutend, daß auf der Ebene philosophischer Weltdeutung das gleiche Bild ebenfalls gebraucht wird. Im Anfang des siebenten Buches vom Staat erklärt Plato das Wesen der Idee an dem bekannten Höhlengleichnis. So bekannt dieses selbst ist, so selten wird die Parallele der Form zur Bibel bemerkt. Mit dem Antlitz zur Wand gekehrt sitzt der gefesselte Mensch in einer Höhle, im Freien vor der Höhle ziehen die reinen Gestalten der Idee vorüber, die Dinge wie sie an sich sind. Der Mensch aber sieht nur ihre Schattenrisse, ihren Abglanz an der Wand ihm gegenüber vorüberziehen. Der Abglanz ist ihm zugänglich, das Transzendente aber außerhalb der Höhle. Das Transzendente der Dinge ist hier das im Abglanz zugängliche, das Transzendente des Seins, Gott, wird dem Mosche gewiesen. Das ist freilich etwas grundsätzlich Verschiedenes, so verschieden wie die Religion von der Philosophie ist. Doch tritt die formale Gleichheit um so stärker hervor, wenn man sich den gewaltigen Abstand vor Augen hält: an der letzten Frage nach den Wesen angelangt, stellt für die Lage des Menschen dasselbe Gleichnis sich ein; religiöse und philosophische Haltung treffen hier zusammen. Dieser Zusammenfall belehrt vielleicht über die Schwierigkeit einer Frage, die man heute als abgeschlossen zu betrachten geneigt ist: die Frage nach der philosophischen Deutbarkeit der Bibel für unsere Tage. Es ist vielleicht doch kein vergebliches Bemühen, zu suchen und zu forschen, ob nicht „die Sprache des Denkens demselben Urwort dient, wie die der biblischen Offenbarung" (Buber). Unsere Bibelstelle ist zu einem wichtigen Ansatzpunkt der philosophischen Interpretation durch Maimonides geworden (More Nebuchim I, 54), die auf unsere Zeit hin und durch das Denken unserer Zeit erneuert werden kann. Zwei- 453