Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 8 (Februar 1934)
- Article
- Geheimnisvolle Welt
- Date
- 1934-02-01
- Page
- 445 (sequence 3)
- Language
- German
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Geheimnisvolle Welt zur Zeit des Bar-Kochba-Aufstandes (132—135), als Juden von allen möglichen Weltteilen her nach Palästina eilten, um an dieser letzten Revolte gegen Rom teilzunehmen, ließ dieser Zustrom von Menschen — es waren an die 500000 — die Erwartung aufhorchen, ob nicht auch von jenen Verbannten und Verlorenen der Zehn Stämme sich Menschen einfinden möchten. Es versteht sich, daß sie nicht kamen. Aber es versteht sich gleichermaßen, daß man nach ihnen zu forschen begann, als auch diese letzte Revolte zusammenbrach und der Druck Roms eindeutig auf Vernichtung des Judentums ging. Was blieb da noch an Hoffnung auf Kraftquellen übrig als die Erwartung, daß irgendwo auf der Welt noch ein Teil des Volkes bestehe? Die Zerstreuung der Juden war schon längst größer, als das geographische Vermögen zu kontrollieren vermochte; und so mag es sein, daß die Nachricht vom Vorhandensein freier jüdischer Gruppen, die keine unmittelbare Beziehung zum übrigen Teil der Judenheit hatten, mit so ungewissen Akzenten zu ihnen kam, daß der Ausdeutung jeder Raum geöffnet war. Es gab zu jener Zeit wirklich isolierte jüdische Gruppen im Süden und Osten von Abessinien. In Persien gab es bis in das 12. Jahrhundert hinein und in Arabien bis in noch spätere Zeiten freie jüdische Stämme, die da ihr Eigendasein in enger Anlehnung an die Lebensweise der Umgebung, aber mit ihrem festen Bestände an jüdischer Tradition führten; und beide behaupteten von sich, daß sie Nachkommen der verlorenen Zehn Stämme seien. Es mag auch sein, daß die Juden von diesen Gruppen genauere Kenntnis hatten, aber daß sie ihnen nicht ausreichte, um das Forschen und Suchen deswegen einzustellen. Jedenfalls tritt eines Tages — es ist um die Zeit der römischen Verfolgungen — eine sehr bedeutsame Fixierung ein. Es setzt sich in der Vorstellung des Juden das Wissen fest, daß die Zehn Stämme jenseits des Flusses Sambatjon wohnen. Das bedeutet zugleich eine eigenartige Verschiebung des Bildes. Die Fortexistenz der Zehn Stämme wird hier als selbstverständlich vorausgesetzt. Die Zweifelsfrage: leben sie noch oder leben sie nicht mehr? ist plötzlich mit einem Ja eindeutig beantwortet Der Glaube der Propheten und die Gläubigkeit der Volksseele haben eine Bestätigung erfahren. Aber das Geheimnis selbst bleibt dennoch. Es ist nur verlagert. Es ist nur das ,ob' entschieden; nicht aber das ,wo'. Man hat in die Vorstellung einen Ort hineingetragen, der selber wieder mit der Fülle von Dichtung beladen ist und sich so willig verschieben läßt, wie die Legende, die keinen Respekt vor dem Raum hat, die Orte der Welt nach ihrer Willkür verlagert. So ist auch dem Fluß Sambatjon seine Geschichte zugewiesen worden. Langsam formt sich sein Bild aus natürlichen und geheimnisvollen Elementen. 445