Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 8 (Februar 1934)
- Article
- Geheimnisvolle Welt
- Date
- 1934-02-01
- Page
- 444 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895515-2895524-2903567--06832-2903608- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Josef Kastein schnitte im Leben der Galuth die ernsten, schweren, strengen Fasttage, in denen das Schicksal des Tempels und der Untergang des Staates beklagt werden. So wenig das Volk die Tatsache der Galuth als endgültig und unabänderlich annahm, so wenig nahm es den Verlust seines größten Teiles als unabänderliche Tatsache hin. Der Glaube und die Legende arbeiteten gleichermaßen daran, diese Gewißheit zu verstärken. Es gab keine bestimmte Kunde davon, wo die Stämme geblieben seien. Aber gerade diese' Ungewißheit gab der Welt für den Juden eine ungeheure und geheimnisvolle Weite. Er bemächtigte sich ihrer mit steigender Bildnerkraft. Sie hatten Berichte, deren Unbestimmtheit unendliche Möglichkeiten enthielt. Ein Midrasch erzählte ihnen, daß die Zehn Stämme nach drei verschiedenen Stellen der Welt gelangt seien. Ein Teil wohne jenseits des Flusses Sambation, ein anderer sei durch eine Wolke verhüllt, und der dritte lebe eingeschlossen in den Mauern von Antiochia. Sie hatten auch Verkündungen und Visionen, die ihnen die einstmalige Vereinigung mit den Zehn Stämmen voraussagten. Schon in den erschütternden Visionen der Esra-Apokalypse, die schon bald nacli der Zerstörung des zweiten Tempels niedergeschrieben wurde, ist das Bild des Messias geformt, wie er aus dem Meere aufsteigt, auf Wolken hinauffährt nach Zion und mit dem Gluthauch seines Mundes die Feinde vernichtet, die gegen ihn anrennen; wie er dann ein anderes Heer um sich sammelt, ein friedvolles, das mit ihm den Wiederaufbau Jerusalems verrichtet: eben die verlorenen Stämme. Sie sind von den Orten, dahin man sie verbannt hatte, fortgezogen in Länder, die noch keines Menschen Fuß betreten hat. Das Wasser des Euphrat wich zurück, als sie hinüberschritten, und wenn der Messias sie dereinst ruft, wird dieses Wunder sich wiederholen. Aber dieses Werk blieb nicht nur außerhalb des Kanons des jüdischen Schrifttums, sondern es war auch — wie jede Prophezeiung und jede Vision — mehr für die gläubige Anschauung als für die bildhafte Vorstellung geschaffen. Und es konnte nur solche Bildhaftigkeit die große Enttäuschung über den Verlust des Staates mildern, denn nur dann konnte diese Vernichtung aller Hoffnungen ertragen werden, wenn in der gleichen Sekunde die Hoffnung — sei es aus Wissen oder Dichtung — von einem anderen Punkt her neu zu leben begann. Und dieses neue Leben einer Hoffnung konnte jede Gläubigkeit der Volksseele besser nähren, als es der offizielle Glaube konnte. Der kann immer nur Verheißungen geben. Aber die Volksseele kann Wirklichkeiten erleben. Es bedarf dazu nicht einmal eines konkreten Anlasses; doch wird jedes Ereignis willig zum Anlaß genommen. Schon 444