Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 7 (Januar 1934)
- Article
- Jüdische Religion und Emanzipation [Rezension]
- Date
- 1934-01-01
- Page
- 434 (sequence 2)
- Language
- German
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giös-gedankliche Gesetzlichkeit des Ideenganges der Reform hin. Wenn auch alle Abschnitte des Buches ihre Bedeutung haben, der nichtfachmäßige Leser wird besondere Freude an dem ersten Kapitel haben, betitelt „Rcligionsgcsetz und Lebensform". Hier schildert Wiener die Stellungnahme der einzelnen in jenen Jahren Wirkenden. Hervorgehoben sei vor allem die Schilderung der Geistcshaltung Samuel David Luzzattos, des berühmten italienischen Führers der Juden. Obgleich in keiner Weise orthodox, steht er kritisch zur Emanzipation und sieht nicht in ihr das Glück, sondern in einem jüdischen Nationalgcfühl, das aber nicht in den Bahnen des späteren politischen Nationalismus geht. Der oberflächlichen Fortschrittsschwärmerei hält er entgegen, daß der Mensch in jener Epoche nicht sich selbst vervollkommnete, sondern nur sein technisches Werkzeug und den Geist als Instrument des Denkens. Wie nahe steht das übrigens der heutigen Unterscheidung von Geist und Leben! Vorzüglich auch, wie der Autor von Luzzatto sich Samson Raphael Hirsch abheben läßt, der bei aller Orthodoxie so rational gerichtet ist wie seine reformerischen Antipoden und nicht das Volk, sondern das Individuum im Auge hat. Vielleicht wird das zweite Kapitel „Philosophie und Weltanschauung" dem Laien nicht ganz so interessant sein. Doch gerade in diesem Kapitel eröffnen sich viele neue Gesichtspunkte und Erkenntnisse, erscheinen die Menschen dieser Zeit und ihre Gedanken in einer neuen Beleuchtung. Vertieft man sich in diesen Teil, so gewinnt man einen Abriß des Gesamtdenkens jener Epoche. Ich weise besonders auf die wenig bekannten Briefe Geigers hin; es ist überraschend zu lesen, wie der junge Geiger noch die volle Lebendigkeit der Religion nur in der Verbindung von Religion und Volk erblickte. Mit besonderem Interesse wird der nicht von Fachlichem bewegte Leser das Kapitel über „Die religiöse Idee in der Wissenschaft des Judentums" genießen. Hier wird er der eigentümlichen Gestalt Grätz' begegnen, der eine nationale Grundstimmung hatte und doch dem politischen Nationalismus abhold war und dessen Gesamthaltung von ihm selbst als jüdischer Patriotismus empfunden wurde. Besonders treffend, weil es das Gleitende und nicht in ein festes logisches Denkschema Einzuspannende des Judentums schildert, ist das Schlußkapitcl mit seiner Wortprägung „Judentum als Stimmung". Aus ihm seien die folgenden aufschlußgebenden Sätze herausgehoben: „Es entwickelte sich abseits von der überlieferungstreuen Gläubigkeit der Orthodoxie wie von der reformierenden Theologie des Liberalismus eine jüdische Lebendigkeit, die, ohne sich in bestimmte Kategorien fassen zu lassen, doch auch jüdische Realität bedeutet____ Aber wie immer es sich bei der Menge um das bewußte Leben nach einem Prinzip verhalten mag, wieviel Lässigkeit und Nachgiebigkeit gegen sich selbst im Spiele sein mag, das geschichtliche Bewußtsein, Jude zu sein, in einem Stamme bestimmter Geistigkeit und Religion zu wurzeln, das Gemeinschaftsgedächtnis, das in jedem wirkt, ob er sich seiner freut oder es aus seiner Seele herausreißen möchte, stellt eine gewaltige Macht dar, selbst 434