Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 7 (Januar 1934)
- Article
- Jüdische Religion und Emanzipation [Rezension]
- Date
- 1934-01-01
- Page
- 433 (sequence 1)
- Language
- German
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Judische Religion und Emanzipation Es ist von dem Buch Max Wieners zu reden, das von „Jüdischer Religion im Zeitalter der Emanzipation"1) handelt. Hätte ein solches Thema schon immer ein starkes Interesse gefunden, so besonders heute, da man in Deutschland das Zeitalter der am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts erkämpften Emanzipation als abgeschlossen und verlassen betrachten und einen neuen Emanzipationskampf beginnen muß. Und wenn das Buch auch begonnen und korrigiert ward, ehe die Entscheidungen fielen, die einer Epoche ein Ende setzten, der Autor hatte seit langem Gefühl für die Umwandlung des allgemeinen Denkens und stand, erfüllt von dem Bewußtsein, daß es jüdische Religion ohne jüdisches Volk nie geben könne, der Ideologie der Emanzipationskämpfc in Dingen der Religion kritisch gegenüber. Um so erfreulicher ist die Objektivität, von der das Ganze getragen ist, die leidenschaftslose Ruhe, mit der Menschen und Gedanken der Epoche geschildert sind. Und wenn auch der Titel nur von Jüdischer Religion im Zeitalter der Emanzipation handelt und in der Tat nur davon die Rede ist, so liegt es doch in der Natur der Sache, daß das Buch zu einem Abriß der Idccngeschichte der ganzen Zeit geworden und als solcher dankbar zu begrüßen ist. Mit Recht weist Wiener darauf hin, daß das Entscheidende bei der Reform, die mit dem neunzehnten Jahrhundert einsetzte, darin bestand, daß ein neues Verhältnis zu dem jüdischen Religionsgesetz, eine an-!) Philo-Verlag Berlin, 280 S., ung dere Wertung dieses Gesetzes begann. Das ganze Buch hindurch begleitet die Darstellung der Nachweis, daß das Rcligionsgesetz und die Autorität, die das Prinzip des Gesetzes trägt, das Konstituierende ist. Indem aber die andere Einstellung zum Religionsgesetz als das Entscheidende in dem Wandel der religiösen Anschauungen nachgewiesen wird, wird zugleich höchst reizvoll gezeigt, wie trotz dieser grundlegenden Differenz zwischen Reformern und Überliefcrungstreucn sie in eben dieser Epoche doch durch ein Gemeinsames verbunden sind, das mit dem Emanzipationsgedankcn zusammenhängt, nämlich daß das Bewußtsein einer jüdischen Totalkultur verloren ging. Mochte noch das älteste Geschlecht der Oberlicferun^streuen seinen Widerspruch gegen die Einfügung in deutsche Sprache und deutsches Wesen instinktiv aus dem Gefühl geschöpft haben, damit gehe die jüdische Totalkultur verloren, schon das nächste Geschlecht der Gesetzestreuen hatte dieses Totaljudentum in Wahrheit verloren und wollte jüdische Religion üben im Zusammenhang des allgemeinen Kulturlebens. Wer persönlich in seiner Auffassung der Reform nahesteht, wird dankbar dafür sein, daß der Verfasser einem oft gehörten Gerede ein Ende macht, daß nämlich die Reform von vornherein opportunistisch um der Erleichterung der Emanzipation willen gewollt worden sei. Mit der Objektivität, die die ganze Darstellung auszeichnet, weist er hier auf die innere reiib. RM. 6,—. 433