Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 7 (Januar 1934)
- Article
- Auf der Suche nach dem Wesen des Judentums [Rezension]
- Date
- 1934-01-01
- Page
- 431 (sequence 3)
- Language
- German
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das ewige Leben des Judentums geworden. Die zweite Antithese: „Gesetz und Herz!" Erbauer, Erzieher und Erhalter des religiösen Lebens und der Gemeinschaft konnten nur die Gescrzesiehrer mit ihren Spezialvorschriften und Sondcranwcisungen für alle Einzelzüge des menschlichen Erdcnwandcls sein. An zwei Frömmigkeitsäußerungen, dem Gebet und der Liebestätigkeit ist die Gleichzeitigkeit und Gleichwertigkeit von Freiheit und Gebundenheit im Sinn des Judentums nachzuweisen. Enthusiasmus, Ausschüttung der Seele bleibt mit einer streng rationalen Kasuistik jedes Schrittes, den der Fromme tut, vereinbar. „Autorität und Freiheit", das dritte Gegensatzpaar, „Askese und Lebensfreude" das Vierte! Die palästinischen Rabbincn, die Träger der „mündlichen Überlieferung", waren überzeugt, daß ihre Schriftdeutung nicht etwa ein Neues schaffe, „sondern nur den von Uranfang in der Schrift geborgenen Schatz hebe und dem Volke aufschließe" (S. 52). Die Kritik gegen die Autorität der mündlichen Lehre kam indes in keiner Epoche, in keinem Raum des jüdischen Daseins zum Schweigen. Die Einheit des Judentums ist seit der Zerstreuung durch keine kirchliche Glaubensverfassung mehr gesichert; Glaubensformel, Dogma und Rechtgläubigkeit haben deshalb nie wie im Christentum und im Islam beherrschende Bedeutung gewonnen. Im schlechten und im guten Sinn ist durch das Fehlen dieser eisernen Klammern das jüdische Schicksal bestimmt worden. Wäre der Schulchan-Aruch, die Befolgung der religiösen Pflichtenlehre konstitutiv für die Zugehörigkeit zum Judentum und die Nichthaltung gewisser Grundpflichten ein Ausschlicßungsgrund, dann wäre die Judenheit der Welt zu einer bedeutungslosen Sekte geworden. Wo bleibt aber dann das Bleibende, das Wesentliche im Judentum? Angesichts seiner Wciträumigkeit, der Vernunft und nicht fragende Gläubigkeit, härteste Gesetzlichkeit und spontane Herzenswärme, Magie und abstrakteste Glaubensinnigkeit, Inncrweltlichkeit und Weltflucht, Mystik und Aufklärung keine unvereinbaren Gegensätze sind, — wo findet man hier die Konstante, den „Objektiven Geist"? Alles Psychologische, alle praktische „Menschenkenntnis" scheidet aus. Aber ablösbar, tradierbar kann auch mitgeteiltes Wcrtcinpfinden sein. Freilich Irrtümer und Vorurteile haben dieselbe Objektivität und Tradicrbarkcit wie Wahrheiten. Lassen uns vielleicht andere bekannte Darstellungen vom Wesen des Judentums deshalb so unbefriedigt, weil sie sich über das, was vom „Objektiven Geist" aussagbar ist, über objektive Gcstalthaftigkeit und Tradicrbarkcit der geistigen Inhalte nicht genügend Rechenschaft ablegten? Es handelt sich um die überindividuclle Grundgestalt des Geistes des Judentums, hcrausdcstilliert aus der zeitlichen, regionalen und personalen Fülle seiner zeitbedingten Formungen, nicht um die Lehre, die — wenn erst die hermeneutischen Grundsätze feststehen — aus den kanonischen Urkunden leicht herauslösbar wäre. Wo aber fasse ich den vielberufenen „Geist" der Judenheit, ihre charakteristischen Ideen, Ziele, 431