Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 7 (Januar 1934)
- Article
- Auf der Suche nach dem Wesen des Judentums [Rezension]
- Date
- 1934-01-01
- Page
- 432 (sequence 4)
- Language
- German
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Tendenzen, Leistungen, Geschehnisse um sie und mit ihnen, gemeinsame Schicksale, woraus eben ihr „Geist" verstehbar wäre? „Hebräisch schnell gelernt", etwas Palästinakundc, der wackere „WeigL" und Haceks „Wesen", damit allein ist ein Zugang zum Judentum, auch zumWisscn davon, nicht erschlicßbar. Bergmann läßt die Unendlichkeit und Schönheit der Aufgabe ahnen und spannt den Rahmen für diegeistesinächtigc, vielgestaltige, keineswegs eindeutige oder in sich abgeschlossene Welt der historischen jüdischen Seinsformen. Die ersten vier Antithesen lernten wir kennen. Das fünfte Gegensatzpaar lautet: „Glaube und Volksglaube". Magie, Amulette, Dämonen- und Geisterbeschwörung hatten neben tiefster und reinster Religiosität von jeher im Judentum Platz. Der Aberglaube mit seinen „kindlichen" und sinnlichen Vorstellungen war auch unter den zum Aufgeklärtsein, zum Zweifel und zur „rein geistigen" Religion von jeher so sehr disponierten Juden in allen Zeiten mächtig. „Kontinuität und Entwicklung"! So stark war im Judentum die Macht der Tradition, daß religiöse Institutionen und Gebräuche sich erhielten, selbst als sie ihren religiösen Sinn verloren hatten; daneben vollzog sich in den Jahrhunderten ein einschneidender Wandel der religiösen Sitte und des ethischen Empfindens. „Mannigfaltigkeit und Einheit"! Aus dem Judentum ging Philo hervor, der die Toragebote in Sinnbilder umdeutete, und Akiba, der aus jedem Buchstaben der Tora ein unverbrüchliches Gebot ableitete. Die ganze reiche Kultur des hellenistischen Judentums, die von vielen Millionen durch den ganzen Körper der nachklassischcn Antike und bis über die mesopotamische Ostgrenze hinausgetragen wurde, ist planmäßig und mit erschütterndem Erfolg vernichtet worden. „Das Talmud-Judentum hat seine griechisch redende Schwester getötet, ihre. Stätte zerstört und den Pflug darüber geführt." Strenge Exklusivität war die Bedingung .jüdischer Fortexistenz, aber in der Abschlicßung hat es niemals das Weltgefühl und den weltweiten Horizont verloren. Die jüdische Lehre zog durch die Welt und schritt durch die Zeiten, veränderte sich dabei, aber das Judentum erhielt sich und sah in einer ununterbrochenen Kette Völker und Reiche um sich versinken, Geistesströmungen abfließen und hochtrabende, als neu und unwandelbar ausposaunte Ideen und Grundsätze verblassen und kraftlos werden. Weise und wissend lernte die Judcnheit einer älteren Zeit die Anbetung des Erfolges verachten, dessen Größe niemals die Größe des auf dem Weg zum Erfolg zugefügten Unrechts aufhebe. Aber der europäische emanzipierte Jude des 19. und 20. Jahrhunderts machte sich selbst dieser Anbetung schuldig und wurde furchtbar dafür bestraft. Er mußte erst gewaltsam von außen wieder auf seine fremde Herkunft und sein arteigenes Sein, auf den „Geist des Judentums" gestoßen werden. Er hat den Weg zur Suche nach ihm soeben von Neuem angetreten. Ludwig Feucht wanger. Sdiulheime für die jädlsdie Jugend. Zu unserem Artikel tragen wir nach, daß das I-andschnlhcimCaputh auch zuml"nlcrricht nach lx-hrpkm der höheren Schule l>erecliti£t ist und z. Zt. etwa 71) Jungen und Mädel ausbildet. 432