Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 7 (Januar 1934)
- Article
- Auf der Suche nach dem Wesen des Judentums [Rezension]
- Date
- 1934-01-01
- Page
- 430 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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sehen Prozesse, die wir als Illusionierungsvorgänge bezeichnen, sofort abzulaufen beginnen, sobald echte Gefahren kommen. Wie wenige von uns wagen es wirklich, unseren Kindern im vollen Ernst ein an Leid, Erschütterungen, an Untergang und Widerauferstehen reiches, bewegtes, gefährdetes, aber dem ewigen Werte nahes Leben auch nur zu wünschen, geschweige denn, daß wir es uns selbst freiwillig wählen — satt einer kleinen Umwelt des vorsichtigen Ausgleichs, der Schliche und Kompromisse und abgestoßen von der großen Welt der Mächtigen und Herrschenden. Es bleibt uns nur, wenn wir nicht im Alltag und in der bloßen Nahrungssorge ersticken wollen, Resignation und Skepsis zu überwinden und uns noch einmal auf die Suche zu begeben; unbestechlich von. Phrasen-Schwaden (von innen und draußen) ruhig auszuspähen nach eigenen objektiven Werten, nach einer eigenständigen jüdischen Sonderart, nach dem objektiven Geist eines nicht nur konfessionellen Judentums, das den meisten unter uns aufoktroyiert wurde, zunächst ohne Sinn, ohne Richtung und Inhalt. Auf dieser Suche stoßen wir wieder auf ein — kleines — Buch. Der Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Berlin, Dr. Juda Bergmann, ließ soeben eine kaum 200 Seiten starke Schrift: „Das Judentum — Gedanke und Gestaltung" (Berlin bei Rubin Mass 1933) erscheinen, das dem Unkundigen zu einem hellen ersten Einblick verhilft, dem Kundigen aber noch viel mehr gibt, indem es ihn durch diese beweiskräftige, wissenschaftlich gut gesicherte Auswahl von Antithesen den ungeheueren geistigen Reichtum, die solide Tragfähigkeit, die von jeder partikulären Enge und einseitigen- „Gesetzlichkeit" entfernte Aufgeschlossenheit des Judentums noch einmal in einer glücklichen Zusammenschau zeigt. Indem der Strom des jüdischen Seins seit seinem Ursprung unablässig durch die Kulturen fast aller bewohnten Länder zog, vermischten sich in ihm die Erkenntnisse, Erfahrungen, Sehnsüchte, Wunschbilder, Erlebnisse und Glaubensvorstellungen der verschiedensten Zonen und Zeiten. Rabbiner Bergmann gibt durch seine zwingende Konfrontierung der in keiner anderen Gemeinschaft ohne Gefahr des Auscinanderbrechens und spurlosen Versinkcns möglichen geistigen Gegensätze die beste Antwort auf die dringliche Frage nach dem wahren und echten „Wesen" dos Judentums. Die folgende ganz kurze Inhaltsanalyse soll den Umriß der neun Abschnitte nachzeichnen: Der Prophet und der Philosoph: Philo von Alexandrien umfaßte Mose und Plato mit gleicher Liebe, er war der erste Träger des philosophischen Judentums, das um eine Versöhnung zwischen dem Philosophen und dem Propheten gerungen. Moses Maimonidcs, Abraham ibn Esra, Spinoza und Mendelssohn sind den Weg der Philosophie gegangen; die Propheten, die Gesetzeslehrer und die Gegner des Maimonidcs blieben die Hüter der Religion. Der Prophetismus — die irrationale Hingabe des Lebens, nicht eine humane und gütige Moralität aus dem 19. Jahrhundert — ist der tiefste Daseinsgrund, die unsterbliche Seele und 430