Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 7 (Januar 1934)
- Article
- Auf der Suche nach dem Wesen des Judentums [Rezension]
- Date
- 1934-01-01
- Page
- 429 (sequence 1)
- Language
- German
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Auf der Suche nach, dem Wesen des Judentums Auf der Suche nach Zugangsmöglichkeiten zu einer eigenständigen jüdischen Kultur geraten die meisten deutschen Juden, die ohne Wahl unter dem Druck von außen auf diese Suche hinausgestoßen wurden, zunächst ins Leere, nämlich auf „Literatur"., auf bedrucktes Papier, auf Worte, während sie wie eine glückliche Umwelt statt Bücher und Gedanken gemeinsame Wege und Ziele gewiesen haben möchten, wirkliche, greifbare Ideale, in deren Richtung durch konkrete massive Vorbercitungshandlungen täglich marschiert werden kann. Der herkunftssichere, beschcidcnstolze Jude unter uns — es gibt viele und liebenswerte davon in allen möglichen Schalen — bedurfte keines Kompasses und keiner Rückenstärkung. Aber die meisten deutschen Juden, deren Gesicht nur nach der nichtjüdischen Umwelt gerichtet war, sahen sich plötzlich ins Weglose ausgesetzt. Rückkehr — Umkehr! Der Appell von der Kanzel, die Aufrufe, die eindringende Formulierung in unserer jüdischen Presse, in ausgezeichneten Abhandlungen und Büchern, sie sind ein Kinderspiel gegen den Kampf und das Herzleid der intellektuell redlichen, aufrechten deutschen Juden, der besten deutschen Mitbürger, die beruflich in Wirtschaft, Kunst und Wissenschaft, als Aerzte, Rechtsanwälte, Beamte oft anerkannte Leistungen von Rang für das Gemeinwohl aufzuweisen haben und die nun so unvorhersehbar von einer machtvollen Regierung mittels einer keineswegs ab irato konstruierten, sondern von langer Sicht formulierten und gefestigten Volkstums-Ideologie als Deutsche degradiert wurden und — hier beginnt die Tragödie — anders als jene herkunftbewußten und zukunftssicheren Schicksalsgefährten keine Rückverbindung zum jüdischen Sein mehr finden können. Denn sie vermögen die „Lehre", das „Wesen", Geschichte, Literatur und Sprache, kurz die Wege des Judentums zwar wie andere fremde Kulturkrcise sehr gut mit den modernen Erkcnntnismhteln zu verstehen, zu deuten, sich in die alten Gedankengänge zu versetzen, ja oft sich für das verkannte, ungerecht zurückgesetzte geistige Gut ihrer Väter zu erwärmen. Aber sie können sich und die Umwelt nicht im Unklaren darüber lassen, daß ihnen die rasche innere Aneignung einer arteigenen jüdischen Kultur schlechthin unmöglich ist, da eben das organische Wachsen während Generationen nicht durch einen Willensakt ersetzt werden kann. So kommt es in den meisten Fällen zur Resignation, zu einem Nichtmehr-Mittun; die Zahl der an und für sich unter uns häufigen Vereinsamten, Vergrämten und Asozialen wächst. Im besten Fall beschränkt man sich auf die Sorge für den gefährdeten Nachwuchs, den man wenigstens aus der Gefahrenzone entfernen will. Es wird sichtbar, daß der deutsche Jude in den letzten 150 Jahren seit der Emanzipation der ehrbarste, anständigste, nur auf Sicherheit und Gefahrlosigkeit bedachte Bürger geworden ist, dem das Ausgesetztsein unserer Väter schlechthin unerträglich ist und in dessen Brust die sämtlichen seeli- 429