Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 7 (Januar 1934)
- Article
- Vom Kurfürstendamm nach En Charod
- Date
- 1934-01-01
- Page
- 418 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Erich Rott: Vom Kurfürstendamm nach En Charod die von früheren Einwanderungswellen ins Land gespült wurden und sich inzwischen vollkommen assimiliert und hebraisiert haben. Der Umschichtungsprozeß ist ihnen um so eher gelungen, als sie ja nie so sehr im russischen Volkskörper aufgegangen waren wie etwa die deutschen Juden im deutschen- Was sie und ihre Väter in Rußland gelernt hatten, kam ihnen bei ihrer Ansiedlung in Palästina zustatten: die Fähigkeit zu leiden, zu entbehren, sich aufzuopfern. In ihrer Offenheit, Heiterkeit, Hilfsbereitschaft und tiefen Unbestechlichkeit repräsentieren sie einen herrlichen Menschentyp. Die in der Mittagspause mit ihnen geführte Unterhaltung ist für uns Deutsche immer wieder ein wirkliches Vergnügen — bis wir ihnen mitten im Satz wegschlafen. Wie wir uns untereinander verständigen? In einem Gemisch von Jiddisch und Deutsch. Die neu Eingewanderten können noch nicht oder doch nur sehr unvollkommen Hebräisch, die Alteingesessenen sehen es ihnen nach, zumal sie beobachten, daß die Grünen sich doch bemühen, Hebräisch zu lernen; nur sehen sie leider nicht, wie ihnen bei dem an jedem zweiten Abend von einer jungen Ex-Polin erteilten Unterricht die Augen zufallen — und wundern sich, wenn man nur langsam Fortschritte macht. „Zuerst lernen wir alles" — um die freundliche Lehrerin zu zitieren — „was sich ringelt um uns hemm": Tisch, Stuhl, Fenster. Aber langsam weitet sich der Wortkreis und umschließt allmählich unsere ganze Welt: den Hof mit seinen Ställen und Werkstätten; die Getreidefelder, Plantagen, den Weingarten. Die wenigen Dinge des täglichen Bedarfs, die es am Donnerstag Abend in einem kleinen düsteren „Laden" ohne Geld zu kaufen gibt: Zigaretten, Streichhölzer, Rasierklingen, Kernseife, Briefpapier, Postkarten, Schnürsenkel. Dann die verschiedenen Gerichte, die uns, außer dem Frühstücksbrot und Vespertee, am Mittag der grüne Proviantwagen aufs Feld bringt: Reis- und Chazilimgcmüse, Nudeln und Chazilim, Spinat und Chazilim, Obstsuppe und Chazilim. Chazilim, Chazilim! Die neuen Deutschen verfolgen die Chazilim mit jenem inbrünstigen Haß, der schon wieder in lächelnde Resignation umschlägt. Es sind Lieder gegen dieses Ucbcrmaß von Chazilim gedichtet worden, geholfen hat es nichts. Die blaue Riesenartischocke blüht und gedeiht. Das zweite Mal essen wir sie gemeinsam im „Chadar Haochel", dem zentral gelegenen, sehr geschmackvoll, luftig und hell gebauten Speisesaal. Es ist laut wie in einer Bahnhofshalle, aber vergnügt laut Und Landlärm stört nicht. 418