Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 7 (Januar 1934)
- Article
- Vom Kurfürstendamm nach En Charod
- Date
- 1934-01-01
- Page
- 419 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Friedrich Brodnitz: Schmelzticgel Palästina Nach dem Abendessen wird Hebräisch gelernt. Oder in irgendeiner Ecke das Neueste aus der Zeitung vorgelesen. Oder man schreibt nach Hause: die Briefe kommen in einen Sammelbriefkasten, die Kwuzah frankiert sie, ihr Einzelmitglied hat ja kein Geld, also kann man schreiben, soviel man Lust hat, aber die Lust ist gar nicht so groß. Oder man musiziert; Schallplatten spenden Bach und Beethoven, öfters veranstalten auch gute Solisten „richtige" Konzerte. Oder man diskutiert. Eins der Hauptthemen der Gespräche liefert die Frage: werden sich die jungen Deutschen hier einleben? Wird ihnen, die, seien wir ehrlich, oft ja auch nur Zwangszionisten oder Lebensflüchtlinge sind, der große Umbruch gelingen: der plötzliche Wechsel ihres Milieus, die Preisgabe ihrer individuellen Lebensführung, der Verzicht auf alle Bequemlichkeit, der Prozeß der Einschmelzung in eine große Gemeinschaft der Arbeit? Ist wirklich, wie es die alten jüdischrussischen Arbeiter sagen, alles nur eine Willensfrage? — Das Dach am Kürfürstendamm steht leer. Nur mein Kater streicht durchs Gebälk. Er wird sich wundern. Erich Rott Schmelztiegel Palästina Um die kulturelle Situation des heutigen Palästina zu verstehen, muß man sich ein paar Tatsachen aus der Entwicklungsgeschichte des Landes vergegenwärtigen. Wie entsteht normalerweise eine nationale Kultur? Ueber die Familien- und Stammeseinheit wächst eine Gemeinschaft von Menschen zum Volk zusammen. Sic besitzt ein Land, ganz und ungeteilt, grenzt sich nach außen ab, vermehrt sich nur durch natürlichen Zuwachs. Sprache, Klima, Boden sind gemeinsam wie der ganze Lebensweg. Allmählich, durch Generationen, zeichnen sich die Linien des Völkergesichts ab, so wie aus dem Kinde der Mann wird. Wie war und ist es in Palästina? Juden kommen dorthin aus verschiedenen Ursprungsländern in ein ihnen allen neues Land. Sie finden dort Menschen orientalischer Kultur, mit denen sie leben wollen und müssen. Sie sind kulturell noch nicht so geeint, wie es zum Beispiel die Pilgerväter waren, die sich als Einheit des Glaubens und der Herkunft siegreich über alle Gefahren des neuen Erdteiles hinweg durchsetzten. Sie haben kein Mutterland hinter sich, wie sonst koloniale Siedlungen, sondern nur die oft starke, aber oft auch nachlassende Unterstützung der Juden der Welt. Sie sprechen eine Sprache, die bisher nur die 419