Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 7 (Januar 1934)
- Article
- Vom Kurfürstendamm nach En Charod
- Date
- 1934-01-01
- Page
- 417 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom Kurfürstcndamm nach En Charod Am schönsten wohnen, in einem dreistöckigen Bau, die Kinder: auf dreihundert Erwachsene kommen ihrer zweihundert. Sie werden mit viel Milch, Eiern, Liebe und pädagogischem Verständnis großgezogen. Den Arbeitsunterricht, den sie, zum Teil von einem Lehrer wickersdorfischer Prägung, empfangen, liefert das unmittelbare Leben, nicht die mittelbare Theorie. Sie reiten wie die Kosaken. Wenn man sich mit ihnen unterhält, muß man über ihre Vorstellungswelt, die Vorstellung einer neuen Welt, staunen. Ein Jüngeres fragt eines Tages: „Hast Du in der Stadt in einer Kwuzah oder in einem Moschaw (Genossenschaftsfarm, aber mit familiärer Einzelwirtschaft) gewohnt?" Und kann sich nicht vorstellen, daß es noch ein Drittes, Viertes und Fünftes gibt. Daß man höchst kapitalistischer Unternehmer in Berlin gewesen sein kann. Daß man Lohnarbeiter oder meinetwegen auch Redakteur gewesen sein kann. Und daß keiner von uns auch nur einen einzigen Dunam Land besessen oder gar jemals in seinem Leben bebaut hat . . . Jetzt ist der Rotstift des Redakteurs begraben. Jetzt streut der Herr Redakteur nicht mehr Pointen auf Manuskripte, sondern künstlichen Mist auf den mühsam durchfeuchteten Boden. Jetzt schwingt er nicht mehr den Federhalter, sondern die schwere Turiah und den bequemeren Maader. Jetzt merzt er keine Druckfehler mehr aus, sondern Unkraut; „Jablid" heißt das gefährlichste, und es ist ebenso unausrottbar wie Druckfehler. Jetzt zerhackt er nicht mehr mit dem Geschick, über das alle Mitarbeiter weinten, Reportagen und Feuilletons, sondern von Käfern angefressene Bäume. Jetzt verspritzt er nicht mehr Polemiken gegen Hinz und Kunz, sondern Schwefel gegen pflanzenfressende Insekten. Jetzt watet er nicht mehr, wie vordem auf der Redaktion, durch Berge von Zeitungen, sondern durch den dicksten Modder der im Jahre bis zu sechsmal bewässerten Grapefruit-Plantagen. Jetzt räumt er nicht mehr, was stets vergebens war, seinen Schreibtisch auf, sondern, mit mehr Erfolg, die verschlammte Wasserleitung oberhalb des Weingartens — eine Arbeit, die ihn allerdings nicht nur viel Schweiß kostet, sondern auch die abseits gelegten und für die Mittagspause reservierten „sächsischen Miniaturen" Hans Reimanns, nach denen ein vorbeistreifender Araber, der anscheinend gern klassisches Deutsch lernen möchte, greifbares Verlangen empfand . . . Die gemeinsame Arbeit schafft in starkem Maße den Konnex zwischen „Neuen" und „Alten", zumeist Juden aus Rußland, 417