Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 7 (Januar 1934)
- Article
- Vom Kurfürstendamm nach En Charod
- Date
- 1934-01-01
- Page
- 416 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Erich Rott einer Symphonie intensivster Formen und Farben, der bisher nichts weiter fehlt als ein Van Gogh, der sie nachkomponierte. Einzelheiten der Umgebung lernt man am Schabbath kennen. Jeder hat überall Bekannte, man besucht sich untereinander, auf den Wegen ist viel Singen und Fröhlichkeit; solche Bilder sah man früher nur in Russenfilmen. Und Goethe bleibt im Koffer. En-Charod ist eine der ältesten und durchorganisiertesten Siedlungen im Lande: der Boden ist Nationaleigentum, alle arbeiten nach besten Kräften im Gemeinschaftsintercsse, es gibt keinen Privatbesitz. Die zahlreichen jungen Juden aus Deutschland, die in den letzten Monaten hierhergekommen sind, pflücken jetzt die saftigen Grapefruit und die süßen Weintrauben, die jüdisch-russische Idealisten vor Jahren angepflanzt haben, unter bitterer Mühe und auf Boden, der unter Malariagefahr entsumpft werden mußte. Die Deutschen legen sich also sozusagen in das gemachte Bett — womit nicht gesagt sein soll, daß sie nicht nun auch fleißig arbeiten, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, und gewiß auch zur Zufriedenheit ihrer älteren Kollegen. Und daß sie aus jenem Bett bisweilen durch ein paar nächtliche Schüsse aufgeschreckt werden, mit denen die Wächter arabische Hühnerdiebc verscheuchen, beweist nichts gegen die Sicherheit, in der sie leben. Auch die Fähigkeit, im Zelt zu schlafen, bezeugt noch nicht den geringsten Heroismus. Im Gegenteil: wer Unterhaltung liebt, kommt reichlich auf seine Kosten. Zwei Katzen warten mit nächtlichen musikalischen Veranstaltungen auf. Wenn man nachts plötzlich aufwacht, hat man die Illusion einer Ozeanreise, denn der Mittelpfciler „weht und dreht im Winde sich" wie die Feder auf dem Volkslied-Barett. Der Palast knarrt und stöhnt wie ein alter Viermastcr, an dem selbst Gorch Fock seine Freude gehabt hätte. Aber der Prachtbau hält — die Zeltmathematik ist geheimnisvoll. Und schließlich winkt in weitester Ferne Land: der Umzug ins Steinhaus, das viele der alteingesessenen En-Charoder heute schon bewohnen. Vorher wird man noch Barackeninsasse oder kommt auf die weniger beliebte Alijah, einen Schlafsaal oberhalb des Pferdestalls. Nachts um zwei werden die Pferde unruhig und die Menschen über ihnen mit ihnen. Besonders Sulamith benimmt sich geradezu unerhört, man hört sie dauernd. Man pariert diese „Schicksalsschläge" mit der besten jüdischen Waffe: mit Humor. 416