Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1934-01-01 · Heft 7 (Januar 1934) · p. 414

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 7 (Januar 1934)
Article
Autorität
Date
1934-01-01
Page
414 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895515-2895523-2903476--06782-2903532
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Max Grunewald: Autorität Es ist nötig, in diesem Zusammenhang die Bedeutung anzuerkennen, die das werdende Palästina für die Erneuerung des jüdischen Rechts und damit für die Lebensordnung der Juden überhaupt hat. Niemals können die Renaissance der hebräischen Sprache und die Herausbildung einer jüdischen Sitte allein das leisten, was das jüdische Recht zu leisten vermag. Ein neues Lebensrecht der Juden muß sich auch in seinem Rechisleben äußern. Die Schwierigkeiten, die dem entgegenstehen, sind ungeheuer. Sie liegen zum Teil im jüdischen Recht selbst. Auf einem langen Wege, der durch Jahrhunderte nicht lebensnahe war, hat es an Substanz verloren. Es ist in seiner Anwendung auf wenige Provinzen beschränkt worden, es fehlt ihm die Autorität, die erkanntes Recht durchsetzt. Dennoch kann auf den Anschluß an die jüdische Rechtstradition nicht verzichtet werden. Das bedeutet nicht einfach die Uebernahme bisheriger materieller Entscheidungen, sondern Anknüpfung an die Rechtsgrundsätze. Sie haben zum Teil normativen, zum Teil interpretierenden Charakter, und insgesamt ergeben sie eine Art Psychologie des jüdischen Rechts. Es gilt, sie mit dem bestehenden (übrigens auch noch nicht wissenschaftlich durchgearbeiteten) palästinensischen Recht und mit den Forderungen eines erneuerten Lebens zu konfrontieren. Würde diese Entwicklung zu ,einem eigenen Recht, zu einem bodenständigen Recht in Palästina erfolgreich sein, würde es gelingen, dieses Recht zur Grundlage einer Lebensordnung werden zu lassen, so wäre das nicht gleichgültig auch für die Juden, die in der Diaspora unter anderem Recht leben. Was dort in Palästina gelebt, gelehrt und entschieden wird, könnte als weltliches Recht natürlich nicht übernommen werden, wohl aber könnte es die Lebens- und Denkrichtung der Juden hier, zumal in ihren persönlichen Entscheidungen, beeinflussen. Es könnte uns die Möglichkeit einer festen Orientierung geben. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß dann bei der Stellungnahme des Einzelnen Gewissen und Kritik nicht ausgeschaltet, sondern im Gegenteil eminent beteiligt würden. Ja, erst so würde Spruch und Widerspruch des Einzelnen zu seiner vollen Bedeutung heranwachsen. Es ist anzunehmen, daß wir in eine neue Geschichtsperiode einrücken, in der das auseinandergesprengte Judentum wieder seine Einheit spürt. Diese Einheit hat aber nur insoweit einen wirklichen Wert, als wir einen äußeren uns zusammenschließenden Zwang mit einem von innen her erneuerten Leben beantworten. Für dieses Leben müssen wir die Sprache wieder gewinnen, nicht nur die äußere Sprache der Verständigung, sondern auch die innere, die Sprache des Verstehens. Worunter wir gelitten haben, das war die Vieldimensionalität des jüdischen Lebens. Man bewegte sich auf verschiedenen Ebenen. Man fragte und 414

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.