Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 7 (Januar 1934)
- Article
- Autorität
- Date
- 1934-01-01
- Page
- 415 (sequence 6)
- Language
- German
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Erich Rott: Vom Kurfürstendamm nach En Charod antwortete von der Moral zur Politik und von der Politik zur Religion, und im Fragen und Antworten zerfloß alles hoffnungslos. Man antwortete auf eine politische Situation mit einer Predigt, auf eine Rechtsfrage mit einem Midrasch, und es blieb alles unverbindlich und harmlos. Man holte die Begründungen für sein ja und nein ganz nach Gutdünken aus den verschiedensten Geltungsgebieten. Was für eine Verständigung konnte es bei einer solchen Verfassung geben? Würde aber die Sprache einer neuen Autorität gehört und anerkannt werden, dann erst hätten wir die Grundlage einer jüdischen Ordnung, dann erst hätte auch die Zustimmung des Einzelnen eine positive und seine Auflehnung nicht eine destruktive Bedeutung. Max q^^^a Vom Kttrfärstendamm nach En Charod Die Wohnung, als ausgebautes Dach ein Juwel an idyllischer Architektur, lag höher als die meisten anderen am Kurfürstendamm; der Blick aus dem Fenster war ein Blick auf die allermodernste Großstadt: Taut hatte hier seine Junggesellenfestung hingesetzt, Pölzig das ozeanische Ufaschiff am Lehniner Platz; innen sah das Auge die in Dokumenten gesammelte beste deutsche Vergangenheit, sah an den Wänden Tausende von Büchern, unter ihnen viele seltene Klassiker-Erstausgaben, den ersten Kleist neben dem ersten Heine, sah alte Kupferstiche und schließlich, unterGlas und Rahmen, ein vollendet schönes Goethe-Autogramm. Es war einmal . . . Und es war nicht einmal ein Märchen. Die Goethehandschrift konnte ich über alle Grenzen retten. Ich wollte sie mir in meiner neuen palästinensischen Behausung aufhängen. Aber jene Behausung ist kein Haus, sondern nur eia Zelt geworden, und Goethe paßt an seine wackelnde, windgeschüttelte Wand wie die Faust aufs Auge. Wer in so gewaltiger Natur lebt, entbehrt keinen Schmuck. Wer sich von uns rChaluzim" morgens um halb fünf ein letztes Mal auf die andere Seite wälzt, nach fünf Minuten aber schon die untere Zeltwand hochrollt, sieht, falls er die Augen aufkriegt, der neuen Heimat En-Charod gegenüber im letzten Morgenschatten den elefantenförmigen Berg Gilboa, auf dem, wie wir lernten, Saul gefallen ist, unten das fruchtstrotzende Emek-Tal, ehemals ein beliebter Kriegsschauplatz, während hinter der zerklüfteten Transjordanwand die Sonne aufsteigt. Im langen Lauf des Tages steigert sich das große Erlebnis dieser Landschaft zu 416