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Der Morgen · 1934-01-01 · Heft 7 (Januar 1934) · p. 409

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 7 (Januar 1934)
Article
Der jüdische Sinn des deutschen Judentums
Date
1934-01-01
Page
409 (sequence 3)
Language
German
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IRI
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Der jüdische Sinn des deutschen Judentums hat das deutsche Judentum „bewußtes" Judentum, also nicht mehr nur gclebtes, sondern sagbar und damit mitteilbar gemachtes Judentum geschaffen. Jetzt, da der Einzelne als moderner Mensch von der mütterlichen Gemeinschaft emanzipiertes Individuum ist, dürfen wir von dem Vorbild des stumm gelebten Judentums des Ostens nicht allzu viel erhoffen. Das gesagte Judentum, wie es in den Arbeiten deutscher Juden von Mendelssohn bis Hermann Cohen und Julius Guttinann, von Steinheim bis Buber und Rosenzweig, von S. R. Hirsch und Abraham Geiger bis Baeck, von Johst und Graetz bis Elbogen vorliegt, wird dem entwurzelten Juden gegenüber seine missionierende Aufgabe beibehalten. Dieser entwurzelte Jude, der das Vorbild des stummen Judentums verständnislos anschaut, wird durch die Sprache des sagbar gemachten Judentums zur Rede gestellt. Gewiß hat das Gespräch eine Grenze, wie auch die Möglichkeit, das Judentum ganz in die bewußte Sphäre des Sagbaren zu erheben, ihre Grenze hat. Aber wenn erst das Gespräch im Gange ist, ist der wichtige Anfang gemacht, und auch die Vorbilder, die vorher angeschaut, aber nicht verstanden wurden, können dann in ihrer Stummheit eine eindringliche Sprache sprechen. Die Erhaltung des deutschen Judentums, um die wir zu ringen haben, bedeutet die Erhaltung einer Glaubensmacht, die neben dem Christentum und neben dem Heidentum steht, aber als sprechendes Mittelglied, als Dolmetsch. Dieses deutsche Judentum, das mit den Kräften des Westens das Judentum sagbar und damit in der modernen Welt existenzfähig macht, ist mit dem Westen verbunden. Aber der Antrieb dieser Arbeit ist, wo sie an ihr Ziel herankommt, nicht mehr Westjudentum, sondern Judentum. Auch das neue, in Palästina entstehende Judentum ist viel mehr Westjudentum, als gewöhnlich geglaubt wird. Dieses palästinensische Westjudentum hat den Geist des Westens manchmal sogar in stärkerem Maße aufgenommen, als es einem wirklich echten Judentum zuträglich ist. Die hebräische Sprache erweist sich hier als kein entscheidendes Hindernis. Der in ihr sich ausbreitende westliche Geist ist nur gefährlicher. Das dem Judentum Widersprechende wird freundlich geduldet, weil es in der hebräischen Sprache auftritt. Damit ist die hebräische Sprache, die trotz allem als Sprache der Offenbarung die Rettungsmöglichkeit vor einer Alleinherrschaft des westlichen Geistes in sich birgt, zunächst selbst in den Schmelztiegel der Assimilation hineingeraten. Es gibt ein hebräisch sprechendes Assimilantentum. Solchen Perspektiven gegenüber wird die Aufgabe des deutschen Judentums erst recht wichtig. Wenn es sich hält, behalten wir die augenblicklich glücklichste Verbindung mit dem Abendland, die wirklich Verbindung ist und nicht Selbstaufgabe an das Abendland. 409

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