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Der Morgen · 1934-01-01 · Heft 7 (Januar 1934) · p. 408

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 7 (Januar 1934)
Article
Der jüdische Sinn des deutschen Judentums
Date
1934-01-01
Page
408 (sequence 2)
Language
German
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Ignaz Maybaum hoben. Vor Gott stehend — allerdings, wer kann vor Gott „stehen"? — stehen wir weder im Osten noch im Westen. Wo man im Juden, auch wenn man ihn ganz vom Glauben her versteht, nicht nur den Träger eines bestimmten Bekenntnisses sieht, steht er doch als ewige Gestalt neben dem Christen und neben dem Heiden, den beiden anderen ewigen Gestalten der Geschichte. Während der Christ im Bekenntnis die heidnische Natur im ewig ringenden Weg besiegt, ist der Jude in seinem Glaubcnsvolkstum in einem Sein, das ebenso gelebt wird wie ein heidnisches Volkstum, wie groß hier auch die Unterschiede sein mögen, eben die Unterschiede zwischen Judentum und Heidentum. Das Bekenntnis spricht, das Sein aber ist stumm. Es wird gelebt. Das gelcbte Judentum besitzt, wo es stummes Judentum ist und seinen Gehalt nicht in die Höhe des Bewußtseins erhoben und daher nicht sagbar gemacht hat, eine Tiefe, um die der ausgesprochene Gedanke oft vergeblich ringt. Das europäische Ostjudentum besaß den ganzen Reichtum des Geistes, über den echter Glaube verfügt. Es war als gelebtcs Judentum tief, auch wo es sein Judentum nicht sagbar machen konnte und ein Glaubensgespräch mit dem zeitgenössischen Heiden oder Christen zu führen nicht in der Lage gewesen wäre. Das Westjudentum Deutschlands ist das Judentum, das sich über seine Glaubensexistenz klar geworden ist, das seine Stummheit erlöste und zum Sprechen brachte. Es ist ein langer Weg von den ersten tastenden Versuchen, bis es der in der Wende des Geschichtsganges stehenden späten Generation gelang, das Judentum sagbar zu machen. Damit ist die Mission des deutschen Westjudentums aufgezeigt. In seinem Bemühen, das Judentum in die Höhe des Bewußtseins zu erheben, hörte das deutsche Judentum, wo es wirklich erfolgreich und wirklich Judentum war, auf, bloß Westjudentum zu sein und wurde in Wahrheit Judentum. Rosenzweig, Buber, Julius Guttmann und Baeck — um die größten zu nennen — sind typisch westjüdische, aber echt jüdische Erscheinungen. Dem deutschen Westjudentum allein ist es gelungen, als Westjudentum jadisch zu bleiben. Der Weg des amerikanischen, englischen und französischen Westjudentums, wo es von der Gedankenwelt des deutschen Judentums nicht gelenkt und von der Grundlage des Ostjudentums nicht mehr getragen ist, führt rettungslos aus dem Judentum heraus. Die jüdische Wanderung vor der zionistischen Epoche war Wanderung von Osten nach Westen, von Rußland und Polen über Europa nach Amerika. Wenn diese Wanderung der vorzionistischen Epoche nicht zu einer restlosen Auswanderung aus dem Judentum wurde, ist dies nur der Kraft des deutschen Judentums zu verdanken. Denn dort, wo das stumm gelcbte Judentum des russisch-polnischen Ostens nicht mehr wirksam war, 408

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