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Der Morgen · 1934-01-01 · Heft 7 (Januar 1934) · p. 405

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 7 (Januar 1934)
Article
Vom Hohenpriesterstamm
Date
1934-01-01
Page
405 (sequence 4)
Language
German
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Vom Ilohenpriesterstamm Jahrelang lebte ich so im Märchenwalde der Arbeit als vollkommener Einsiedler. Zwar hatte mich mein Buch über die religiöse Sehnsucht der Zeit auf den Katheder des Lehrsaales geführt, aber ich stand auch vor der Versammlung der Studierenden in meinem Walde, ob ich von der erlösenden Kraft des fremden Opfers vortrug oder die Grundsätze der neuen Dichtkunst entwickelte, die alle Diesseitsvorstellungen durch eine, jenseitige Phantasie zu ersetzen strebte. Ich suchte nur mich, und wenn ich meine Vorlesungen schloß, bedankte ich mich bei den Schülern für alles, was ich im Lehren gelernt hatte, ohne darauf zu achten, ob mein Wort ein Echo fand. Es gab daher ein jähes Erwachen, als ich durch einen ernsteren Hörer, der in ein näheres Verhältnis zu mir trat, vernahm, daß ich für die meisten nur der Mann war, der nicht rauchte, keinen Wein genoß, Keuschheit forderte und den Verkehr mit der Weltseele lehrte, was sie zur Gründung von Spiritisten- und Enthaltsamkeitsvereinen anregte ... In dieser Enttäuschung beschloß ich mir in jenem Jüngling einen Helfer zu erziehen, der die Vermittlung zwischen mir und der Welt übernähme und meinen Ruf, der einzeln zu verhallen drohte, weitertrüge. Er überragte mich um Haupteslänge, und ich glaubte, daß er mich um dasselbe Maß dereinst auch an Erkenntnis überragen würde. Mit zuckenden Lippen widersprach er mir darin und meinte, daß er nur mein langer Nachmittagsschatten sei, ein hinsterbendes Ende, ich dagegen ein neuer Anfang. Obwohl ich ihn für einen Philosophen erklärte, suchte er seinen Ehrgeiz darin, sich die Dichtkunst zu eigen zu machen, die ich übte, weil er in ihr die Richtlinie zu erkennen glaubte, in der sich unsere Entwicklung vollziehen müsse. Sowohl seine Anerkennung, die mir als ein Zeugnis dafür galt, daß ich keine Sondererscheinung, sondern die Stimme der Allgemeinheit sei, wie seine geistige Unterwürfigkeit, die sich fruchtbarer für mich erwies als der Austausch mit selbständigen Köpfen, machten mir den Jüngling bald zu dem einzigen Menschen, den ich um mich ertragen konnte, und ich überhäufte ihn mit allen Problemen meiner Forschung und der ganzen Fülle meiner Dichtung, die in seinem Umgang immer entschiedener auf dem neuen Wege vordrang. Er arbeitete Tag und Nacht. Als ich ihn eines Abends aufsuchen wollte, fand ich seine Wohnung leer und auf dem Tische ein Blatt mit einer seltsamen Zeichnung: auf der einen Seite wuchs baumartig aus der Erde ein Arm, welcher Städte und Wälder in der Handfläche emporhielt und indem er heraufwuchs, die Welt, die er in der Hand trug, spielend in die Sonne hineinhob. Darunter stand, daß dies meine Dichtung sei. Auf der an- 405

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