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Der Morgen · 1934-01-01 · Heft 7 (Januar 1934) · p. 404

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 7 (Januar 1934)
Article
Vom Hohenpriesterstamm
Date
1934-01-01
Page
404 (sequence 3)
Language
German
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Leo Sternberg Qual geschah es: Das Unscheinbare. Es wurde mir klar, daß es einen dauernden Zustand des Friedens geben müsse, der zuweilen über mich kam, und daß dieses Ziel erreicht würde durch ein unaufhörliches, jeden anderen Einfluß fernhaltendes Einssein mit jener Macht, so lange bis sie zu einer Eigenschaft unseres Wesens geworden. Und ich sammelte mich und sah nicht rechts und links und lauschte auf die Stimme und — fand. Auch Sie werden finden — Sie überschätzen mich — aus sich allein, ohne mich . . . Und damit Sie mich nicht mehr falsch sehen, sollen Sie dieses Buch lesen, das ich hier für Sie habe. Ich bin dieses Buch, personlos .. . Sagen Sie dann selbst, ob ich das für Sie sein kann, was Sie suchen. Sie glauben, dasselbe zu glauben, wie ich, weil Sie lieben. Ach, Sie sind mehr Dichter, als Sie wissen . . . Sehen Sie, wenn ich die richtige Gefährtin für Sie wäre, müßte ich Ihnen in die Arme stürzen, fliegen! Lassen Sie mich! Warum zwingen Sie mich, Ihnen wehe zu tun? Warum sorgen wir für den anderen Morgen? Warum freuen wir uns nicht an Ihrem Schaffen? Es wird ja alles gut — und wenn es sein soll, wird es von selbst geschehen, wo wir auch sind!" Ich bat — statt einer Antwort — sie nur noch um das Versprechen, mir ein Zeichen zu geben, wenn ihr Sinn sich jemals wandeln sollte. Damit traten wir aus dem Wald ins Freie, und sie blieb stehen und sagte mit ferngewandtem Blick: „Ich werde Sie vielleicht länger lieben als Sie mich . . Und ich vermochte nicht, ihr böse zu sein . . . * vStatt eines Menschen hatte ich ein Buch empfangen. Obwohl ich es nicht lesen wollte, zog es mich solange an, bis ich es dennoch las. Und ich fand die verlorene Geliebte darin wieder und merkte, daß sie mir darin ohne Gegenwart gegenwärtig war, wie ein Stern am Tage, Licht in Licht. Was mir früher als Schwäche erschienen, die Auslöschung des eigenen Namens, die Preisgabe der Selbständigkeit, die Auflösung im Ewigen — das erfaßte ich jetzt in seiner ganzen Größe und himmlischen Kraft. Je mehr mich nun der persönliche Schmerz verließ, durch den wir so ungerecht, blind und unempfindlich gegen die Welt und gleichgültig für unsere Aufgaben werden, um so mehr erwärmte mich wieder die Arbeit, und in demselben Maße, wie ich die geistige Schwester, die so wohltätig für mich fortlebte, darüber vergaß, geriet ich unter ihren Einfluß, indem sie die Kraftquelle ward, die mir die Welt mit dem Strom aus den ewigen Gründen speiste. Und über dem Schaffen entglitt ich dem Zeithchen, wie jener Mönch, der dreihundert Jahre verträumt hatte, während er eine Stunde im Walde zu lustwandeln vermeinte. 404

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