Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 7 (Januar 1934)
- Article
- Vom Hohenpriesterstamm
- Date
- 1934-01-01
- Page
- 403 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Sternberg: Vom Hohen priesterslamm winterkahlen Waldes angekommen, endlich mit trockener Kehle fragte, ob sie mich anhören wolle. Sie nickte, als ob sie wisse, was kommen werde. Da las ich ihr, im Gehen, mit oft versagender Stimme ein Liebeslied nach dem andern vor, und sie ließ mich, stumm nebenhergehend, alle zu Ende lesen. Ohne uns anzusehen schritten wir noch eine Weile wortlos nebeneinander dahin. „Ich habe es kommen sehen und es ist gekommen; Sie dürfen es wissen . . . Sie sollen auch wissen, daß ich gerungen habe, und wenn es einen Mann gäbe, dem ich angehören könnte, so würde es kein anderer sein als Sie . . Ich blickte sie atemlos an und sah jetzt, welche hohlen tiefbeschatteten Augen sich schmerzvoll auf mich richteten, als sie fortfuhr: „Ich muß Ihnen alles sagen — ich muß es . . . Wäre es früher gewesen — vielleicht! Warum ist es nicht früher gewesen! Ich bin nur noch Amt, ohne Wünsche mehr für mich. Ich sehe hier den Hammer der Welt und dort die helfende Macht, zu der ich den Zutritt weiß — so ist mein Beruf gegeben . . . Und doch: dann erschienen Sie, und ich wußte keinen Weg. Da sagte ich zu der Stimme: Führe Du! ... O glauben Sie, daß alles zum Guten ist. Glauben Sie! Ich kann nicht mehr in die Welt zurück." Die Leidenschaft ihres erhabenen Kampfes steigerte meine Anbetung dermaßen, daß ich nur Hoffnung für mich aus ihren Worten heraushörte, und ich stellte ihr vor, wie wir uns in der Sehnsucht nach einem vergeistigten Leben begegneten; wie ich mich nur als Schale betrachte, um ihr Wesen aufzunehmen und mit dem Reste des Gefühls zufrieden sei, den der innere Beruf ihr für mich übrig lasse. Sie schüttelte den Kopf und sagte: „Sie gehören nicht zu denen, die mit Halbheiten vorlieb nehmen; Sie würden mich hassen anstatt zu lieben. Und auch ich wollte alles sein, wenn mir alles gegeben wird. Man kann nicht zwei Herren dienen. Ich muß jedem gehören, der nach mir ruft; ich darf Sie nicht vorziehen vor dem geringsten der Brüder." Da befiel mich eine angstvolle Eifersucht gegen die ganze Welt, die von ihr geliebt werden sollte, während ich aHein verstoßen ward, und ich flehte sie an, das Erlösungswerk bei mir zu beginnen, der nicht Jugend und Heimat, nicht Freiheit, nicht Freude noch Liebe gekannt, der in ihr die Pforte zum höchsten Dasein erhofft und nun für ewig von .dem verschlossenen Himmelstor in Dumpfheit zurücksinken würde, wenn sie sich von ihm abwende. Ihr Schritt verlangsamte sich und sie sagte standhaft und sanft: „Ich will Ihnen erzählen, wie ich sehend ward . . . Aber Sie wissen es, es ist Ihr eigner Weg ... In meiner höchsten 403