Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 7 (Januar 1934)
- Article
- Jakob Wassermann
- Date
- 1934-01-01
- Page
- 395 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Paul Wiegirr: Jakob Wassermann sein Gesamtwerk nicht wiederaufzunehmen, da er ein Mißverhältnis zwischen Stoff und Gestalt beargwöhnte, war schwerblütig auch in seinen menschlichen Wertungen. Zu hart war seit Kindheit und Pubertät für ihn das Dasein, als daß er den Zustand des Entbehrens, des Leidens hätte vergessen können. Nicht umsonst hat er den Schicksalsträger im „Gänsemännchen" Daniell Nothafft genannt. Er fühlte sich im Grunde fremd dem Geist von 1910, dem Geist des genießenden Großbürgertums, als er Michael Reiner, den Vater, in einem Brief an Erwin Reiner, den Sohn, das „unbedenkliche Geschlecht" anklagen ließ: „Wer hat euch das teure Ich so hoch im Preis geschraubt, daß ihr euch für zu kostbar haltet, um die ganz ordinären Menschenpflichten zu erfüllen?" „Dreifacher Fluch", sagt Wassermanns Graf Palester, „lastet auf uns und auf der Zeit, die den Anarchisten im Geiste, den Proteus am Leibe und den Verantwortungslosen in der Seele züchtet". Ist es nicht noch immer der Zorn der Einsamkeit, der Furcht und der Flucht, der im „Moloch" schwelt? Ein Jahrzehnt hat Wassermann gebraucht, bis der Fatalismus der „Wende" über ihn kam und bis er sich in dem „Schauspiel vom Aufstieg und Sturz" zurechtfand: „Wozu Gericht? Wozu Verdammung? Zerstörte Geister und Seelen, was heißt das? Ist das eigene Auge und die eigene Seele unzerstört, so ist die Welt unzerstört." Bekenner war er im „Lebensdienst", den Selbstbetrachtungen des Dichters. Bekenner in „Mein Weg als Deutscher und Jude", der Beichte des 1873 in Fürth geborenen Sohnes von Adolf und Henriette Wassermann. Grüblerisch und sich zerquälend ging er auch an das Problem seiner Broschüre heran. Er hat als Erzähler oft jüdische Charaktere gebildet. In „Sabbatai Zewi", der historischen Einleitung der „Juden von Zirndorf", war der Zauber der Legende, und Zewi, der rotbärtige Prophet, wuchs mit dem Schatten des Ahasver im mystischen Dunkel zusammen. Agathon mit dem messianischen Antlitz — der Agathon, der dann in „Renate Fuchs" wiederkehrt — und mit der „Genialität des Herzens", der Patriarch Gedalja, Nieberding sind Juden. Maxim Specht, der Journalist aus dem „Moloch", wird einer von ihnen sein. Der Forscher Benda im „Gänsemännchen", Waremme im „Maurizius", Melchior Ghisels, der Weise im „Etzel Andcr&'osi.'-' sind Variationen von elementarer Gegensätzlichkeit. Es ist, als habe es Wassermann gereizt, fernste Grenzzustände nacheinander aufzubieten und daran zu offenbaren, was er am Schluß des „Sabbatai Zewi" gramvoll bemerkt: „Dies ist sicher: ein Schauspieler oder ein wahrer Mensch; der Schönheit fähig und doch häßlich; lüstern und asketisch; ein Scharlatan oder ein Würfelspieler, ein Fanatiker oder ein feiger Sklave, alles das ist der Jude. Hat ihn die Zeit dazu gemacht, die Geschichte, der Schmerz 395