Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 7 (Januar 1934)
- Article
- Jakob Wassermann
- Date
- 1934-01-01
- Page
- 394 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Paul Wiegler: Jakob Wassermann Das plötzliche Hinscheiden Jakob Wassermanns, wenige Monate nach seinem 60. Geburtstag, ist ein unersetzlicher Verlust für die deutsche Literatur und vor allem für die Kunst der Erzählung. Um den Menschen, dem Freundschaft etwas sehr Hohes war, trauern seine Freunde. Um den Dichter die Zahllosen, die er durch seine reine, an der Epik der Meister geschulte Prosa, durch ihre seelenvolle Kraft gefangennahm. Er war ein Mensch von vierundzwanzig Jahren, als die „Juden von Zirndorf" erschienen. Drei Jahre darauf drang er durch mit der „Geschichte der jungen Renate Fuchs". Den „Caspar Hauser" schrieb er mit fünfunddreißig. Mit zweiundvierzig das „Gänsemännchen". Mit fünfundfünfzig den „Fall Maurizius". Dann kam der „Etzel Andergast", der, so hoffte er, die höchste Steigerung seiner Lebensarbeit werden sollte. In dem noch ungedruckten zweiten Kerkhovcn-Roman hat er diesen Zyklus beendet. Jedoch er zauderte; und er suchte Ablenkung durch die Stanley-Biographie. Selten hat ein Dichter so wenig pausiert wie er, so bis zum äußersten, bis zuletzt die Kraft, die ihm gegeben war, in Anspruch genommen. Müdigkeit beschlich ihn und Zweifel. Die Frage nach Sinn oder Sinnlosigkeit, die er überwunden zu haben glaubte, meldete sich von neuem. Da zerriß seine rastlosen Gedanken der Tod. Man hat ihn zuweilen kritisch herabgesetzt und gezwungen, sich gegen Eingriffe in seine Phantasiewelt zu verwahren. Aber niemand hat strenger über sein Dichten wie über alles ästhetische Formen geurteilt, als er selbst es tat. Mit seiner kleinen, runden Handschrift bedeckte er, wenn die Vision ihn erfaßt hatte, Blatt auf Blatt. Doch ebenso eifrig wie im Entwerfen war er im Verwerfen, im Vernichten. Den „Alexander in Babylon" hat er auf ein Drittel gekürzt. Den „Caspar Hauser" hat er in mehreren Versuchen vorgeahnt. Einer davon, aus dem Jahr 1904, hieß „Latizia Wahnschaffe". Zweiundzwanzigmal hat er den Beginn des „Falles Maurizius", 50 Seiten, umgeschrieben. In seinem Nachlaß werden zahlreiche Fragmente zu finden sein. Eine Konzeption, der er entsagte und die schon aufs heftigste in ihm geglüht hatte, war: die Wanderung des Ewigen Juden durch die Jahrhunderte. Der ästhetische Rigorist, der es vorzog, einen Roman aus der Zeit des Weltkriegs, „Olivia oder die unsichtbare Lampe", in 394