Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1933)
- Article
- Jahre der Entscheidung [Rezension]
- Date
- 1933-12-01
- Page
- 382 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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heißen können, spricht gleichwohl zu uns, daß wir im Ebenbild Gottes geschaffen simi und uns als seine Kinder zu bewähren haben. Da ist dann nichts damit getan, daß man in einer geistigen Haltung, die ich „vorzeitige Harmonisierung" nennen möchte, eine jener „Synthesen" vollzieht, die dem Denken der neueren Jahrhunderte so lieb geworden sind, indem man über dem grauenhaften Abgrund der widerstreitenden Gefühle mit leichter Hand eine Brücke der Vereinigung hinzaubert. Dieser innere Kampf muß vielmehr bis zu einer echten Synthese durchgeführt werden. II. Oswald Spengler und Othmar Spann sind die antipodischen Grund-Anreger der nationalrevolutionären Bewegung in Deutschland. Der Österreicher Spann ist Romantiker, Römer als Katholik. Sein Ständestaat soll ein gegliederter Organismus sein,der aber von der Staatsmacht gelenkt wird. Hier liegen Gefahren und Widersprüche, die beispielsweise das faschistische Italien nicht hat vermeiden können, daß nämlich das bürokratische und zcntralistischc Staatswesen den freien Geist der Korporation mehr und mehr zurückdrängt. Für Spengler, der an der Kraft und Klarheit der römischen Antike geschult ist, haben solcherlei Bedenken nichts zu bedeuten, für ihn ist das alles nur „Partei"; wenn Mussolini lebt, kann der Faschismus mitsamt dem Korporationenministerium untergehen. Das bunte deutschromantische Gedankengut Spanns und Möller van den Brucks wird ersetzt durch den verachtungsvollen Pessimismus eines preußischen Lutheraners, für den die Welt das Reich des Teufels ist. Nichts anderes kann in dem unter Donnern und Beben heraufziehenden „imperium mundi" zur Geltung kommen als Macht, Autorität und fester Befehl. Der totalitäre Staat als der Lcviathan, der alles verschlingt, steht auf gegen den gegliederten Staat und es wird die Frage gestellt sein, ob wir mehr Preußen oder ob wir mehr Deutsche sind. Die Austragung dieses Antagonismus wird das atemraubende Interesse der Mitlebenden in Anspruch nehmen dürfen. III. Wie sich Christentum und Kirche mit den zäsaristischen Thesen Spenglers auseinandersetzen wollen, geht uns unmittelbar nichts an. Das Judentum gibt nicht die Antwort des Christentums, das dem radikal empfundenen Diesseits das radikal gedachte Jenseits gegenüberstellt. Es will die Entgegensetzungen nicht leugnen, aber es versucht sie zu durchdringen. Höchste Pflicht ist die Heiligung des Alltags. Das ist freilich eine schwere Aufgabe täglicher Bewährung, zu der nicht allein die ständige Anspannung des menschlichen Willens notwendig ist, sondern auch der Segen von oben. Heute geht es um weniger und um mehr für die Judcnheit in Europa, es geht um Leben und Sterben. Wie soll sich unsere Judcnheit behaupten im Zusammcnprall der Imperien? Wird uns nicht das Gefühl der Rabbonim übermannen, die von fernher vor das Angesicht des römischen Kaisers ziehen wollten, um vor ihm für das gedemütigte Jerusalem zu bitten? Als sie auf ihrer Wanderung in die römische 382